Mauricio Kagel 1931-2008

18. September 2008, 18:14
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Der deutsch-argentinische Komponist Mauricio Kagel ist am Donnerstag im Alter von 76 Jahren in Köln gestorben

Die klassische Musikwelt verliert damit einen der wesentlichen, originellen Vertreter der Moderne.

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Köln - Es ist schon einige Jährchen her, da boten die Wiener Festwochen eines der imposantesten Bühnenbilder ihrer Geschichte. Da türmten sich zahllose Konzertflügel auf der Bühne - wild durcheinandergewirbelt und chaotisch angeordnet und von bestürzender Wirkung. Der Mann, der die Klänge zu diesem geordneten Chaos beisteuerte, Mauricio Kagel, nannte das Ganze Eine Liederoper, aus Deutschland - und sie war voll irritierter Kreaturen, schwankender Gestalten, die ihre innere wie äußere Problematik besangen; auch Dichter Goethe durfte da keine sonderlich heroische Figur abgeben.

Da gab es von Kagel aber auch das ganz Andere: In einem Stück wie Entführung aus dem Konzertsaal geht es tatsächlich um das Kidnapping eines Ensembles, kurz vor einer Aufführung. Während des Stückes hört man das Telefon läuten, der Dirigent hebt ab, dran ist der Kidnapper, der verschiedene Dinge verlangt. Das Ganze ist eine Art Psychodrama.

Bei dem am 24. Dezember 1931 in Buenos Aires geborenen Kagel änderten sich Themen und Problemstellungen gehörig. Mitunter war Provokation angesagt, dann wieder Ironie. Immer aber blieb Kagel ein der Reflexion verbundener Vertreter der Avantgarde.

Die Herkunft

Zu seinem Einflüssen meinte Kagel: „Vielleicht hatte ich Glück, weil ich in Südamerika mehrsprachig aufgewachsen bin - es war ein unglaublich spannendes Milieu, Argentinien war damals Paris, Milano und New York in einem. Das war sehr wichtig und befruchtend. Vielleicht habe ich auch, weil ich mich für Rundfunk, Film und Theater interessiert habe, kein Problem mit dem Schreiben. Durch diese Vielfalt habe ich es vermieden, vor dem Papier zu sitzen und Angst zu haben, ob ich etwas Neues finden werde, was ohnedies ein falscher Ansatz ist." Den Begriff Krise, so Kagel einmal, kenne er eigentlich nicht. Sein Ritual mag geholfen haben: Er komponierte am liebsten vier Stunden am Vormittag, machte dann Mittagspause und setzt seine Arbeit „manchmal bis Mitternacht fort".

Seinen Durchbruch schaffte er mit Sur scène (1960, in Bremen uraufgeführt), einem Werk, das mit dem Begriff des „Instrumentalen Theaters" verbunden war und durchaus erfrischende Aspekte in die Avantgarde brachte, indem es auch von der Theatralisierung von Musik handelte.

Später entwickelte Kagel auch eine Vorliebe für seltsame, oft selbsterfundene Instrumente (etwa Der Schall), in Staatstheater thematisierte er den Opernbetrieb als solchen. Kagel schuf aber nicht nur Bühnen-, Orchester- und Kammermusikwerke, sondern auch Filme, Hörspiele - im Film Ludwig van ging es um den Heroenkult.

Da gab es aber auch anderes, die Fluxus-Aktionen der späten 1950er-Jahre etwa, in denen der Avantgardist gemeinsam mit Joseph Beuys, John Cage, Nam June Paik und Karlheinz Stockhausen für Aufsehen sorgte.

Seit langem krank

Klar, dass so ein Künstler auch eine gewisse Skepsis gegenüber dem Betrieb als solchen hegte. Aber aus Distanz wurde bei Kagel nicht totale Verweigerung: eher ein Hineingehen in den reflektierten Betrieb, den man dann mit eigenen Ideen zu einer gewissen Hinterfragung regelrecht zwingen konnte. Das wird nun ziemlich fehlen. Der deutsch-argentinische Komponist Mauricio Kagel ist am Donnerstag im Alter von 76 Jahren in Köln gestorben. Er war seit längerem ernsthaft erkrankt. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD/Printausgabe, 19.09.2008)

  • Der vielseitige Komponist Mauricio Kagel: intelligentes Hinterfragen von Musik und Kunstbetrieb.
    foto: der standard

    Der vielseitige Komponist Mauricio Kagel: intelligentes Hinterfragen von Musik und Kunstbetrieb.

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