"Ich will irgendwohin, wo es normal ist"

21. September 2008, 21:29
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Die elfjährige Melisa, Tochter einer Ukrainerin und eines Sudanesen, erzählt über ihren Freundeskreis, ihr Lebensgefühl in Wien und ihre Erfahrungen mit Rassismus

Die elfjährige Melisa lebt gemeinsam mit rund 190 Menschen aus 15 Nationen in einem betreuten Wohnheim für Flüchtlinge in Wien. Melisa ist Tochter einer Ukrainerin und eines Sudanesen. Im Gespräch mit ihrer Lernbetreuerin Linda Thornton erzählt sie über ihren Freundeskreis, ihr Lebensgefühl in Wien und ihre Erfahrungen mit Rassismus.

                                                                        * * *

Thornton: Erzähl mir ein bisschen von dir: Wie alt bist du, woher kommst du und seit wann lebst du in Österreich?

Melisa: Ich bin elf und komme aus der Ukraine. Seit fünf Jahren bin ich hier. Meine Mutter und meine kleine Schwester waren noch in der Ukraine, mein Vater hat mich dann abgeholt - die Leute in der Ukraine mögen keine dunklen Menschen. Ich war eine Zeit lang bei ihm im Sudan, bevor wir uns alle wieder in Wien getroffen haben. Als wir einmal mit dem Bus gefahren sind, sagte eine russische Dame: "Steh auf du Neger", und wir mussten uns einen anderen Platz suchen.

Thornton: Hast du viele Freunde in der Schule und im Haus, in dem du lebst?

Melisa: Also im Wohnhaus nicht, aber in der Schule viele. Es ist nur hier (im Haus, Anm.) so schlimm, weil hier sind so viele Kinder und meine Geschwister und ich sind die einzigen, die braun sind. Nur diese Afghanistan-Mädchen, die sind meine Freundinnen, die anderen beschimpfen uns oft, wenn wir sie sehen. Das nervt mich und ich möchte sie hauen, so fest ich kann. Ich halte das nicht aus.

Thornton: Aus welchen Ländern kommen die Kinder in deinem Freundeskreis?

Melisa: Ein paar sind aus Wien, ein paar kommen aus der Türkei und aus Polen.

Thornton: Deine Mutter kommt aus der Ukraine, dein Vater aus dem Sudan, jetzt bist du in Österreich: fühlst du dich hier zu Hause - oder glaubst du, dass dein Platz woanders ist?

Melisa: Ich glaube, woanders.

Thornton: Wo?

Melisa: Naja, ich fühl‘ mich hier nicht wohl, weil hier sind so viele Menschen weiß … ich will zurück, irgendwohin, wo es normal ist.

Thornton: Dorthin zurück, wo du schon warst oder ganz woanders hin?

Melisa: Ganz woanders.

Thornton: Denkst du manchmal, dass die Österreicher nicht wollen, dass du hier bist?

Melisa: Nein.

Thornton: Das ist gut. Aber wer sind die Leute, die dir mit Rassismus begegnen?

Melisa: Das sind Kinder, Erwachsene, ein paar alte Omas und Opas.

Thornton: Wie sehen die rassistischen Übergriffe aus? Sind das Beschimpfungen, körperliche Gewalt, versuchen diese Menschen auch, andere gegen dich aufzuhetzen?

Melisa: Ja, es tun sich oft mehrere zusammen und sie wollen mich dann schlagen und lachen über meine Farbe. Sie sagen auch sehr viele gemeine Dinge.

Thornton: Wie reagierst du darauf? Wehrst du dich?

Melisa: Manchmal sag‘ ich was und manchmal sag‘ ich nix. Ich schimpf‘ zurück und ich hau‘ zurück.

Thornton: Glaubst du manchmal das, was sie sagen?

Melisa: (zögert): Ein bisschen schon, ich bin mir manchmal unsicher.

Thornton: Bei wem oder wie suchst du Trost?

Melisa: Bei meinen Freundinnen und meiner Lehrerin.

Thornton: Wenn jemand unfair zu dir ist und nicht direkt sagt, dass es mit deiner Hautfarbe zu tun hat, denkst du dann manchmal, dass es deswegen ist?

Melisa: Ja.

Thornton: Hast du oft Angst, dass dich jemand attackieren wird, wenn du unter Menschen bist?

Melisa: Ja. Zum Beispiel am Wochenende hat mein Papa meine Haare gebürstet und dann hat er gesagt: "Komm, wir gehen einkaufen, lass deine Haare offen", und ich hab nein gesagt und geweint und dann bin ich in mein Zimmer gegangen. Als er weg war, hab‘ ich sie gleich wieder zugemacht. Ich will das nicht, ich weiß, dass mich dann alle auslachen und sagen: "Schau ihre Haare an!"

Thornton: Glaubst du, du wärst beliebter, wenn du weiß wärst?

Melisa: Nein. Ich glaub‘ aber nicht, dass ich schön bin. Ich will wie die anderen Wiener sein. Ich will auch blonde Haare haben, ich will nicht diese Haare haben, ich will glatte. Wie zum Beispiel die Sarah*, die hat blonde Haare, blaue Augen – ich hab‘ schwarze und ich hasse schwarz. Und ich mag meine Haare nicht. Sie kräuseln sich so, wenn ich sie aufmache – bam. Ich hasse das. Ich hab‘ mir überlegt, wenn ich groß bin schneid‘ ich sie ab.

Thornton: In der Schule hat man es schwer, wenn man "anders" ist. Ganz ehrlich: ärgerst du selbst auch andere die z. B. dick sind, aus einem anderen Land kommen oder eine andere Religion haben?

Melisa: Überhaupt nicht. Ich bin das liebste Mädchen von der Schule!

Thornton: Hast du schon mal gedacht, dass jemand dein Freund ist, der dich dann aber auch wegen deiner Hautfarbe geärgert hat?

Melisa: Ja, schon. Da war ich sehr traurig. Ich hab‘ nicht erwartet, dass ein Freund oder eine Freundin von mir so etwas macht. In der zweiten Klasse habe ich eine meiner besten Freundinnen einmal beim Donaufest gesehen, sie war mit so "Hiphop-Kindern" zusammen. Wir hatten einen Streit, ich weiß nicht mehr, worum es ging, und da hat sie angefangen mich zu beschimpfen. Sie hat gesagt: "Du Neger! Du hast gar nichts zu sagen, ich bin weißer als du, du bist ein Neger!" Und das hat mich traurig gemacht. In der Schule hab‘ ich drei Wochen nicht mit ihr geredet. Dann hab‘ ich mit der Lehrerin gesprochen und auch mit ihr und wir haben uns wieder versöhnt und sind wieder gute Freunde. Seitdem hat sie mich nicht mehr beschimpft, aber damals war das vor einigen Kindern, die ich kenne.

Thornton: Du hast zwei Geschwister, die auch zur Schule gehen. Sprichst du mit ihnen über Rassismus?

Melisa: Ja, wir erzählen es einander schon, wenn etwas vorgefallen ist und trösten uns gegenseitig.

Thornton: Und deine Eltern? Was sagen sie dazu?

Melisa: Sie sagen, ich soll nicht zuhören und weitergehen.

Thornton: Wie reagieren andere, wenn sie mitbekommen, dass du attackiert wirst? Helfen sie dir? Verteidigen sie dich?

Melisa: Ja, sie helfen mir.

Thornton: Und deine Lehrer?

Melisa: Ja, die auch. Oft gehen meine Freunde zu meiner Lehrerin und sie hilft mir dann. Es ist auch schon vorgekommen, dass sie deswegen mit einem Kind zum Direktor gegangen ist.

Thornton: Haben deine Lehrer das Thema Rassismus schon einmal mit der ganzen Klasse besprochen oder habt ihr schon mal eine Projektwoche gemacht?

Melisa: Ja, auch eine Projektwoche. Wir haben über Afrika geredet und die Lehrerin hat uns erzählt, wie schwer es die Afrikaner in Wien haben. Wir spenden auch gemeinsam für ein Mädchen.

Thornton: Aber ich meine eigentlich nicht Afrika, sondern Rassismus und all diese Gemeinheiten.

Melisa: Ja, ich kann mich schon erinnern. In zwei Stunden war das. Über Afrika auch und über Menschen allgemein.

Thornton: Hast du das Gefühl, dass du dich besonders bemühen musst, um gemocht zu werden?

Melisa: Ja.

Thornton: Wenn dir die Leute die dich ärgern, einmal wirklich aufmerksam zuhören würden, was würdest du ihnen sagen?

Melisa (denkt nach): Ich würde sagen: "Ich will wieder nach Hause, weil das macht mich so traurig. Lass mich jetzt bitte in Ruhe."

Thornton: Das sind schon alle meine Fragen. Möchtest du mir noch etwas von dir aus erzählen?

Melisa: Weißt du, wovor ich Angst habe? Wenn ich einmal groß bin und keine Eltern mehr habe, dann bin ich ganz alleine mit meiner Schwester und dann kann jemand über mich lachen und mich vielleicht hauen oder irgendwas machen. Ich bin froh, dass ich noch klein bin und noch meine Eltern habe.

Thornton: Wenn du keine Angst haben willst, musst du lernen, dich selbst zu mögen.

Melisa: Wie? Wie kann ich mich mögen? Zum Beispiel ein Mädchen vom Wohnhaus hat gesagt, ich bin hässlich und das stimmt auch. Meine Haare sind schiach, meine Augen und mein ganzer Körper. Wenn ich groß bin und so hässlich aussehe, dann krieg ich keinen Mann. Ich will eigentlich auch keine Kinder haben. Weil die werden dann so ähnlich (wie ich), mit diesen Haaren, und werden beschimpft, dann will ich lieber keine. Wenn ich weiß wie meine Mama wäre, hätte ich schon gern Kinder, aber mit meiner Hautfarbe will ich keine. Zu mir haben die Kinder gesagt: "Na Melisa, du brauchst keine Babies kriegen, weil dein Kind wird sooo schiach, das wird so schwarz wie du!"

Thornton: Weißt du, was das Schlimmste ist? Dass die Menschen das zu dir sagen, ist wirklich sehr böse. Aber wenn du selbst auch so denkst, ist das noch viel schlimmer. Denn das heißt, dass du denkst, es sollte Menschen wie dich gar nicht geben. Und das ist besonders übel.

Melisa: Wieso?

Thornton: Wieso soll es nicht solche Leute geben wie dich oder wie mich?

Melisa überlegt.

Thornton: Denkst du auch, dass andere Leute, die schwarz sind, keine Kinder kriegen sollen?

Melisa schüttelt den Kopf.

Thornton: Ja, aber wieso denkst du so über dich selbst?

Melisa: Weil… (seufzt) weil… Die werden schiach sein. Also, schiach wie ich jetzt bin. Sie werden ausgelacht und das will ich nicht.

(Ich wiederhole noch einmal, dass rassistische Handlungen auf unfaire Weise zur Stärkung des Ausübenden dienen. Wenn das Opfer die Rechtfertigungen akzeptiert, wird die Ungleichheit Realität.)

Melisa: Ich glaube ich werde das versteh‘n wenn ich groß bin. (derStandard.at, 21.9.2008)


* alle Namen redaktionell geändert, Anm.

Zur Person

Linda Thornton ist als Tochter einer Österreicherin und eines Afroamerikaners 1986 in den U.S.A. geboren und in der Steiermark aufgewachsen. Sie hat von 2005 bis 2007 in der Schweiz gelebt, bevor sie in einer Wiener Flüchtlingsorganisation u.a. als Lern- und Freizeitbetreuerin mit Kindern tätig wurde. Zurzeit arbeitet sie dort an einem Projekt für den Einsatz ehrenamtlicher MitarbeiterInnen im Flüchtlingsbereich und studiert an der Fachhochschule Soziale Arbeit (BA)

  • "Wenn ich groß bin, schneid' ich sie ab": Haare als Maßstab der "Normalität" (Archivbild)
    Foto: AP/Je-Eun Lee

    "Wenn ich groß bin, schneid' ich sie ab": Haare als Maßstab der "Normalität" (Archivbild)

  • Das Interview ist der letzten Ausgabe der "MASKE - Zeitschrift für Kultur- und Sozialanthropologie" entnommen. DIE MASKE erscheint zwei Mal jährlich und soll laut den HerausgeberInnen rezente Trends der Wissengesellschaft aufgreifen und verwirklichen sowie anthropolgische Inhalte einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln
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DIE MASKE

    Das Interview ist der letzten Ausgabe der "MASKE - Zeitschrift für Kultur- und Sozialanthropologie" entnommen. DIE MASKE erscheint zwei Mal jährlich und soll laut den HerausgeberInnen rezente Trends der Wissengesellschaft aufgreifen und verwirklichen sowie anthropolgische Inhalte einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln

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