US-Rettungspaket kostet Hunderte Milliarden

19. September 2008, 18:58
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Finanzminister Paulson will die Branche von "vergifteten" Kreditpapieren befreien - Turbulenzen werden noch anhalten

Die US-Regierung kündigt nach den jüngsten Bankenzusammenbrüchen die größten Eingriffe in die Finanzmärkte seit der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre an. Der Staat soll "Giftpapiere" übernehmen, was Milliarden kosten könnte.

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New York/Wien - Hank Paulson rettet die Finanzwelt. Zumindest für einen Tag schien es so. Nachdem der bullige US-Finanzminister in die Märkte durchsickern hat lassen, dass der Staat ein Vehikel aufbauen wird, dass alle kaputten Kredite der Geldhäuser aufkaufen würde, ging ein Börsenfeuerwerk ab, wie es die Welt zuvor nicht gesehen hatte. So mancher in den zuletzt arg gebeutelten Finanztiteln verdoppelte an einem Tag seinen Börsenwert. Auch an der Wiener Börse stiegt der Leitindex so stark wie noch nie zuvor an einem Handelstag (siehe Artikel bzw. Marktberichte).

Das Paket, das US-Medien als die größte staatliche Intervention seit der großen Depression der 1930er Jahre bezeichnen, sieht Folgendes vor: Der Staat gründet eine Art "Bad Bank" , eine Abwicklungsbehörde, die den Banken ihre derzeit wertlosen, weil "vergifteten" Kreditpapiere ("toxic assets" ) abnimmt. Die Behörde müsste, je nach Schätzung, Anlagen verwalten, die zwischen sechs und 20 Prozent der US-Wirtschaftsleistung entsprechen.

Zusätzlich sollen mit 50 Milliarden Dollar staatlicher Mittel Geldmarktfonds gestützt werden. Dies alles muss aber noch politisch vom Kongress genehmigt werden.

"Turbulenzen bis 2010"

Der erste Teil der Aktion wäre ähnlich dem anno 1989 gestrickt, als die "Resolution Trust Corporation" (RTC) in der Sparkassen massenhaft Darlehen übernommen hatte. Der Unterschied zu damals sei, erklärte Investmentbanker Willi Hemetsberger (ehemals Bank Austria) in einem von Bundeskanzler Alfred Gusenbauer initiierten Gespräch am Freitag, dass die RTC die Papiere hunderter bereits zusammengebrochener "Saving & Loans Companies" zu verwalten hatte. 2008 geht es um riskante Anlagen, etwa in den Immobilienmarkt, von denen niemand weiß, wie viel sie wert sind.

Der Markt für viele verbriefte Produkte, die jetzt eingesammelt werden sollen, ist zusammengebrochen. Die aufgekauften Papiere werden laut Peter Brezinschek, Chefanalyst der RZB, aber nicht alle ausfallen. Wenn die Märkte sich beruhigen, könne man viele dieser Papiere wieder zu Geld machen. Brezinschek glaubt, dass die Turbulenzen "uns noch locker bis 2010 beschäftigen werden".

Ende der reinen Investmentbanken

Das Modell der reinen Investmentbank werde untergehen, "auf einem Bein stehen ist schwer" , so Brezinschek. Auch Hemetsberger glaubt, dass das europäische Modell der Universalbank mehr Zukunft hat. Gusenbauer forderte am Freitag eine "Weltfinanzorganisation" nach Vorbild der Welthandelsorganisation WTO.

Der Chefökonom der Industriellenvereinigung, Christian Helmenstein, ist gegen mehr Regulierung. Er plädiert vielmehr für eine Neudefinition von Risikokennzahlen. Helmenstein: "'Value at Risk' (VaR) ist mausetot." Miteinbeziehen sollte man Leverage (Hebel des Fremdkapitaleinsatzes), Exposure nach Ländern und Marktsegmenten sowie die Netting-Position (gegenseitige Forderungen).

Kursfeuerwerk auch in Moskau

Auch in Russland greift der Staat ein: Nachdem die Börsen zwei Tage aufgrund des größten Kurssturzes seit der Rubelkrise 1998 geschlossen blieben, öffneten sie am Freitag mit einem Kursfeuerwerk. Wieder musste der Handel ausgesetzt werden. Diesmal allerdings, weil die Indizes MICEX und RTS zeitweise 25 Prozent bzw. 20 Prozent in die Höhe schossen. Der Kurssprung wurde nach den massiven Kapitalspritzen der Regierung möglich. Insgesamt wurden dem Markt Mittel in 130 Milliarden US-Dollar zur Verfügung gestellt. (szem, ved, bpf, ag, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.9.2008)

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    Fed-Chef Ben Bernanke, US-Präsident George W. Bush und US-Finanzminister Henry Paulson traten am Freitag in Washington vor die Presse.

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