Forschungsindikatoren in Wien diskutiert

18. September 2008, 13:40
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Juan Gorraiz: Verwendung eines einzelnen Indikators, zum Beispiel des Impact Faktors, ist meistens ungenügend - Sozial- und Geisteswissenschaften brauchen neue Zugänge

Wien - Angesichts des rasant anwachsenden Datenstroms aus der internationalen Wissenschaftsgemeinde gehen derzeit mehr als 250 Experten bei einer internationalen Konferenz in Wien den Indikatoren für Wissenschaft und Technologie auf den Grund.

Methodenmix

"Die Messung der Forschung erfolgt idealerweise durch die richtige Kombination von qualitativen und quantitativen Methoden", erklärte Juan Gorraiz. Gorraiz ist an der Universität Wien im Bibliotheks- und Archivwesen tätig und Mitorganisator der von Uni Wien und den Austrian Research Centers (ARC) veranstalteten "10th International Conference on Science and Technology Indicators".

Die qualitativen Methoden basieren vor allem auf "Peer Review", das heißt der Begutachtung durch unabhängige Experten. Die quantitativen Methoden (Szientometrie) verwenden ihre eigenen Parameter oder Indikatoren, die nichts anderes als messbare Elemente der wissenschaftlichen Veröffentlichungen sind. Dazu gehören etwa die Anzahl der Publikationen als Indikator wissenschaftlicher Produktivität.

Impact Faktor

"Der von Eugene Garfield eingeführte Impact Faktor (IF) ist nur ein - wenn auch wichtiger - Indikator, der aussagt, wie häufig ein Artikel einer bestimmten Zeitschrift durchschnittlich zitiert wird. Die Verwendung eines einzelnen Indikators ist aber meistens ungenügend", schränkt Gorraiz ein. Der größte Vorteil des Impact Faktors bestehe darin, dass er das erste international anerkannte Maß für die objektive Bewertung wissenschaftlicher Zeitschriften ist. Die Impact Faktoren werden jährlich errechnet und im "Journal of Citation Reports" veröffentlicht, was den Zugriff auf diese Daten sehr einfach mache.

Auf der anderen Seite haben aber nur jene Zeitschriften Impact Faktoren, die in dieser Datenbank aufgrund ihrer Qualität (d.h. Impacts) indiziert werden. "Faktum ist, dass amerikanische und englische Zeitschriften stark bevorzugt werden und die Zitierungsgewohnheiten innerhalb der spezifischen Fachgebiete sehr unterschiedlich sind", so der Wissenschafter. Häufig werde der IF zweckentfremdet verwendet, wie z. B. als alleiniges Maß für die Bewertung einzelner Artikel oder Wissenschafter, was zu Fehlinterpretationen führen könne. Tatsache sei jedoch, "dass bei einem Großteil der Zeitschriften nur 20 Prozent der Artikel 80 Prozent der Zitierungen erreichen, während ein hoher Prozentsatz der Artikel nie zitiert wird."

Open Access

Aus Sicht von Universitäten und Bibliotheken immer interessanter wird die Publikationsmethode Open Access (OA), also der freie Zugang zu wissenschaftlicher Literatur und anderen Materialien im Internet. "OA ist die notwendige Reaktion auf die ständig wachsenden Kosten der Zeitschriften, eine Preisspirale, die durch die großen Verlage beständig nach oben geschraubt wird", erläutert Gorraiz. Ein häufiges Problem bei Open Access sei allerdings der Mangel an Peer-Reviews. Die solcherart archivierten Dokumente würden mehr oder weniger "wertlos" bleiben, solange sie nicht in "peer-reviewed"-Zeitschriften erscheinen.

"Neue Herausforderung"

"Für ihre wissenschaftliche Karriere benötigen die Forscher jedoch Veröffentlichungen in renommierten Zeitschriften, wie Nature, Science, usw., deren Qualität meistens durch drei internationale Peers garantiert wird", verweist Gorraiz auf die noch zu lösenden Probleme. Als weitere "neue Herausforderung" bezeichnet Gorraiz die Tatsache, dass sich in den Naturwissenschaften szientometrische, also quantitative Methoden der Wissenschaftsforschung stark etabliert haben.

In anderen Disziplinen dagegen, wie Sozial- und Geisteswissenschaften, würden aber neue Methoden, Indikatoren und sogar Datenquellen benötigt, welche die spezifischen Merkmale dieser Forschungsgebiete - wie etwa andere Publikationstraditionen oder ihre starke nationale Komponente - berücksichtigen und die Messung von Qualität und Impact ermöglichen.

Mapping Science

"Die Möglichkeiten zur Analyse von Wissen, das in der Forschung generiert wird, haben sich in den letzen Jahren sehr stark entwickelt. Mapping Science ist die bekannteste Methode", sagte Edgar Schiebel, Vorsitzender der zehnten "Conference on Science and Technology Indicators". Dazu werden Veröffentlichungen in Konferenzen oder in wissenschaftlichen Zeitschriften auf zwei Arten untersucht.

Zum einen bestimme man die sogenannten Co-Autorenschaften, so Schiebel, der in der Division Systems Research der Austrian Research Centers (ARC) für das Technologiemanagement zuständig ist. In dieser "Co-Autoren-Analyse" werde erfasst, welche Autoren gemeinsam veröffentlichen. "Damit lassen sich ganze Netzwerke von Co-Autorenschaften berechnen und auch grafisch als Knoten und Kanten visualisieren." Methoden der Sozialen Netzwerkanalyse würden es erlauben, dann weitere Merkmale zu erkennen: Gibt es beispielsweise Untergruppen von Autorennetzen? Welche Autoren spielen eine zentrale Rolle und welche liegen eher in der Peripherie?

Die zweite Methode beschäftigt sich mit der Darstellung von Themenlandschaften. Dabei werden aus den Artikeln die wichtigsten Schlagworte erfasst und ebenfalls auf das gemeinsame Vorkommen in einzelnen Artikeln geprüft. "Das bezeichnet man als Co-Wortanalyse. Die korrespondierenden Wortlandschaften sind dem Co-Autorennetzwerk ähnlich", erklärt Schiebel. Allerdings seien die Netzwerkknoten Begriffe und diese würden Begriffscluster bilden, die eine Aussage über thematische Schwerpunkte in der Forschung erlauben. "Themen im Zentrum des Netzwerkes spiegeln den wissenschaftlichen Mainstream wider, und die Themen am Rande beherbergen die neuen Erkenntnisse und die Themen der Zukunft", so der Konferenz-Vorsitzende.

Informationssystem "Scopus"

Ein weiteres Tool, das Juan Gorraiz von der Universität Wien hervorhebt, ist das Informationssystem "Scopus", das der Wissenschaftsverlag Elsevier entwickelt hat. Das System verbinde die Recherche in klassischen Fachdatenbanken mit der Suche und Analyse von Literaturzitaten. Diese Datenbank, die laut Gorraiz mehr als 15.000 Zeitschriften (mit besonderer Berücksichtigung europäischer Datenquellen) auswertet, werde vom Produzenten als "World's Largest Database of Abstracts and Cited References" bezeichnet. (APA)

Konferenz

"10th International Conference on Science and Technology Indicators".
17. bis 20. September 2008, Universität Wien.
www.sti2008.at

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    Qualitätsindikatoren und der Zugang zu wissenschaftlicher Literatur sind zwei der Themen, die in Wien diskutiert werden.

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