"Ich bin eine Gladiatorin des Alltags"

18. September 2008, 15:07
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Die US-Wahl als Wettstreit der Ängste - Blog-Pionierin Else Buschheuer im derStandard.at-Interview über Traumata, Obama und Napoleons Penis

"Ich möchte nur mal schnell anmerken, dass ich durch eines der Flugzeuge, die ins World Trade Center reingeknallt sind (das zweite), wach geworden bin", tippte die deutsche Schriftstellerin und Journalistin Else Buschheuer um 9:34 Uhr in ihren Blog, am 11. September 2001. Was folgte, war die öffentliche Zurschaustellung eines Traumas, das der Terror in ihr ausgelöst hatte. Buschheuers elektronisches Tagebuch gehört heute zu den Pioniertaten der deutschsprachigen Blogosphere. Auch wenn sich die Urheberin keineswegs als Teil derselben betrachtet, wie sie im E-Mail*-Interview mit derStandard.at erzählt. Die Fragen schickte ihr Florian Niederndorfer.

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derStandard.at: Im New-York-Tagebuch kommt häufig ein mehr oder weniger diffuses Gefühl von Angst zum Ausdruck. Glauben Sie, dass Barack Obama den Amerikanern Ängste nehmen kann?

Else Buschheuer: obama als ultimativer heilsbringer? Lichtgestalt? Retter der westlichen Welt? Oder gar der ganzen? Schön wär's! Kommt allerdings auf die angst an. Sie hat verschiedene gesichter, z.b. das der ausgenutzten angst, die michael moore beschreibt. Das der angst vor terroristen, die die bush-regierung seit jahren schürt, das der angst vor schwarzen (eindrucksvoll in obamas historischer rede thematisiert, die ich mir in deutschland mehrfach ansah und anhörte), die angst also, die hierzulande "überfremdung" heisst. Das der wirtschaftlichen angst, die momentan in den usa am dominantesten ist (es gibt eine statistik, die zeigt, dass in der geschichte amerikas die wirtschaft IMMER unter den demokraten einen aufschwung erlebte, trotz der vorherrschenden meinung, republikaner = stablile wirtschaft). Wenn wir aber von einer angst vor fortschritt sprechen, dann könnte jemand wie mccain die nehmen. einer der beeindruckendsten momente in seiner rede war, als er wie ein mantra rief: stand up against... (dings), stand up against .. (bums)", und alle sympathisanten fühlten sich erlöst.

derStandard.at: Sie gehören zu den PionierInnen der deutschsprachigen Blogosphere, seit 2000 gibt es ihr Internet-Tagebuch. War Ihnen damals bewusst, welche Bedeutung diese Art von Blogs heute haben würden, etwa im US-Wahlkampf 2008?

Else Buschheuer: Absolut nicht. Wie sollte mir das bewußt sein? Ich war immer eine gladiatorin des alltags. Und ich sehe mich bis heute nicht als teil der deutschsprachigen blogosphere, auch nicht als pionierin, sondern als lebensphasen durchlaufende einzelreisende. Die bloggerszene ist mir fremd. Ich ernähre mich nicht von ihr. Ich bin ja kein wiederkäuer. Ich kommuniziere nicht über kommentarfunktionen und klinke mich nicht in hippe bloggerdebatten ein. Ich bin eine außenseiterin und lege wert auf diesen status. Politische amerikanische Blogs haben vermutlich einen einfluß auf dem amerikanischen wahlkampf, allerdings halte ich blogs eher für eine waffe der linken als der rechten, z.b. www.wonkette.com. Die waffe der rechten, das zeigt ja palin eindrucksvoll, bleibt eine knarre.

derStandard.at: In Ihrem Buch www.else-buschheuer.de von 2002 arbeiten Sie Ihren persönlichen 11.September 2001 auf, persönlich und scheinbar ohne den Anspruch zu stellen, Antworten zu kennen. Wie denken Sie heute, mehr als sieben Jahre danach, über diesen Tag und Ihre Art, von ihm zu erzählen?

Else Buschheuer: Kritisch. Für mich klingt das, was ich damals schrieb, heute wie weinerliches geplärre, aber ich muß mich auch der tatsache stellen, dass ich mich damals im abgedroschensten wortsinn betroffen fühlte. Ich sehe meine einträge nach dem 11. September 2001 als pathologisches protokoll. Immerhin war ich ja nicht als investigative journalistin in ein weltkrisengebiet gefahren, sondern wollte mir als privatperson einen traum erfüllen, wollte einige monate in new york verbringen und durch mein praktikum bei der jüdischen emigrantenzeitung "aufbau" einen anderen blick als den touristischen auf die usa zu finden.

Dieser wunsch hat sich ja dann auf gespenstische weise erfüllt - nicht durch das praktikum beim "aufbau", sondern durch die tatsache, dass ich mir ausgerechnet dort, wo sechs wochen später ground-zero-sperrgebiet sein würde, eine bleibe gesucht habe. Ich wurde von den ereignissen überrollt, gehörte plötzlich "dazu". die reaktion der bush-reagierung auf die 9/11 anschläge hat mich damals für einige monate politisiert. Das war eine ideologische, eine kämpferische zeit, bis hin zu meiner teilnahme an friedensdemonstrationen und anti-bush-kundgebungen.

derStandard.at: Wie genau verfolgen Sie jetzt, wo Sie seit drei Jahren nicht mehr dort wohnen, die Nachrichten aus den USA, insbesondere den Wahlkampf?

Else Buschheuer: Ich fahre einmal im jahr nach amerika. Bin aber permanent über email mit amerikanischen freunden im kontakt, für die der wahlkampf tagesthema ist. Für meine freunde ist die idee, dass die republikaner gewinnen könnten, jetzt, wo die zeichen auf CHANGE stehen müßten, ein horrortrip. Die republikaner stellen sich nicht in einen globalen zusammenhang. Sie vertreten kein komplexes weltbild. sie wollen nicht sehen, dass sie eine exklusive minderheit sind, deren status nur bestehen kann, wenn andere 'unten' bleiben. es macht meinen freunden angst, wenn es um erdöl und gas geht und diese umstrittenen bohrungen in geschützten landschaften, und der ganze saal skandiert 'drill, baby, drill!"

derStandard.at: Seit einiger Zeit leben Sie nun in Leipzig, aktuelle Blog-Einträge wie "scheißtag" und "altweibersommer" lassen auf Persönliches schließen. Nun sind Sie aber auch abseits des Netzes Schriftstellerin, ist der Blog für Sie Ergänzung oder Gegenpol zu Ihrem professionellen Schreiben?

Else Buschheuer: Mein tagebuch ist eine ergänzung zu meinem professionellen schreiben und eine motivation für mein alltägliches leben. von anfang an sind ganze bereiche wie z.b. verwandtschaft und sex ausgeschlossen. Ich vermelde keinen konkreten geschlechtsverkehr, was viele glauben läßt, dass ich keinen hätte, und ich dokumentiere auch keine andere form von persönlicher paarung oder beziehung. Es gibt einen echten cousin, stefan "wir bekleben fast alles" aus eilenburg, der mir ab und zu beim umzug hilft oder lampen anschraubt, eine freundin aus new york (j.) und eine aus leipzig (a.), die gelegentlich, eher selten, durch mein tagebuch irrlichtern. es gab eine fiktive tante, tante uschi aus bitterfeld (auch outer mongolia genannt), die ich vor kurzem töten mußte, weil sich zu viele personen in ihr wiederzuerkennen glaubten bzw. andere darin zu erkennen glaubten.

derStandard.at: Inwieweit kommt im Tagebuch die "Kunstfigur" Else Buschheuer vor, inwieweit ist es tatsächlich ein Tagebuch - wenn auch ein öffentliches?

Else Buschheuer: Durch die aussparungen entsteht ein verzerrtes bild meiner person. menschen, die in irgendwelchen zeitungen lesen, dass ich dreimal verheiratet war oder eine tochter habe, fühlen sich zuweilen von mir betrogen. Es gibt auch menschen, die einen abend mit mir verbringen und nachher enttäuscht sind, wenn ich es vorziehe, über den verbleib von napoleons in formalin konservierten penis zu schreiben, anstatt über das tatsächliche ereignis. , aber die beschreibungen meines plattenbaus, des akkordeonspielers, der mich von draußen mit "rondo alla turca" traktiert", die zustände, stimmungen oder strohfeuer für bücher, songs oder filme , auch die selbtbeobachtung oder peinliche dokumentationen von scheitern, irrtum, krankheit, hochgefühl, unappetitlichen eßgewohnheiten und depressiver verstimmung, sind echt. (derStandard.at, 18.9.2008)

Zur Person: Else Buschheuer wurde 1965 als Sabine Knoll im sächsischen Eilenburg geboren und arbeitete bis zur Wende unter anderem als Buchhändlerin und Bibliothekarin. In den Neunzigerjahren schrieb sie als freie Journalistin für Blätter wie taz, Zitty, Spiegel und Emma und arbeitete für die TV-Sender RTL und Sat 1. Von 1997 bis 2001 moderierte Buschheuer die Wettenvorhersagen für verschiedene deutsche Privatsender, im Sommer 2001 übersiedelte sie für ein Praktikum beim deutsch-jüdischen "Aufbau"-Verlag nach New York. Ihre Sicht auf den Terror des 11. September schilderte Buschheuer in ihrem vielbeachteten Blog, aus dem später das Buch "www.else-buschheuer.de - Das New York Tagebuch" entstand. Nach längeren Aufenthalten in Asien lebt Else Buschheuer heute in Leipzig, moderiert das Kinomagazin des MDR und arbeitet als freie Journalistin. Ihren Blog versieht sie in kurzen Abständen mit neuen Einträgen.

 

* Die Groß- und Kleinschreibung des Interviews ist, in Anlehnung an Else Buschheuers Blog-Stil, beabsichtigt.

  • Else Buschheuer über die Macht der linken US-Blogs: "Die Waffe der Rechten, das zeigt ja Palin eindrucksvoll, bleibt eine Knarre."
    foto: privat
    Foto: Privat

    Else Buschheuer über die Macht der linken US-Blogs: "Die Waffe der Rechten, das zeigt ja Palin eindrucksvoll, bleibt eine Knarre."

  • Über Obama und McCain: "Für meine Freunde ist die Idee, dass die Republikaner gewinnen könnten, jetzt, wo die Zeichen auf CHANCE stehen müßten, ein Horrortrip."
    foto: privat
    Foto: Privat

    Über Obama und McCain: "Für meine Freunde ist die Idee, dass die Republikaner gewinnen könnten, jetzt, wo die Zeichen auf CHANCE stehen müßten, ein Horrortrip."

  • Über Internet-Tagebücher: "Die Bloggerszene ist mir fremd. Ich ernähre mich nicht von ihr. Ich bin ja kein Wiederkäuer."
    foto: privat
    Foto: Privat

    Über Internet-Tagebücher: "Die Bloggerszene ist mir fremd. Ich ernähre mich nicht von ihr. Ich bin ja kein Wiederkäuer."

  • Über die Erlösung: "Obama als ultimativer Heilsbringer? Lichtgestalt? Retter der westlichen Welt? Oder gar der ganzen? Schön wär's!"
    foto: privat
    Foto: Privat

    Über die Erlösung: "Obama als ultimativer Heilsbringer? Lichtgestalt? Retter der westlichen Welt? Oder gar der ganzen? Schön wär's!"

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