Umstrittene Brücke von Calatrava: Wien plant ähnliches Projekt wie Venedig

17. September 2008, 21:38
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Zwölf Jahre wurde an der zu teuren Brücke gebaut - die Eröffnung wurde abgesagt - Aus Angst vor Protesten - Der Calatrava-Steg über die Triester Straße ist fix - Plan gibt es aber keinen - eine EU-weite Ausschreibung gab es nie

Wien/Venedig - Noch wissen nur wenige, wie der Fußgängersteg über die Wiener Triester Straße aussehen soll. Doch umstritten war das Projekt des katalanischen Architekten Santiago Calatrava von Anfang an. Da Planungsstadtrat Rudi Schicker (SPÖ) den Steg nicht als Brücke, sondern als Kunstwerk ansieht, sparte er sich eine EU-weite Ausschreibung und erteilte Calatrava den Auftrag.


Derzeit laufen Vertragsverhandlungen zu Kosten und Bauzeit. Eduard Winter, Leiter der MA 29 (Brückenbau) hat bisher nur eine Skizze des Steges gesehen. Dass Calatrava den Wienerberg-Steg baut, ist laut Winter fix. "Pannen wollen wir in Wien vermeiden", sagt Winter.

Eröffnung in Venedig abgesagt


Pannen, die in Venedig dazu führten, dass die für heute, Donnerstag, angesetzte feierliche Eröffnung der Calatrava-Brücke abgeblasen wurden - aus Furcht vor Protesten. So wurde jenes kühne Bauwerk, das sein Projektant als "Brücke des Lichts" preist, am Samstag um Mitternacht formlos seiner Bestimmung übergeben. Grund zum Feiern gab es ohnedies nicht. Denn Calatrava gilt in der Lagunenstadt längst als Unperson, sein gläserner Steg über den Canal Grande als sündteurer Albtraum.

Zwölf Jahre Bauzeit

Drei Jahre hatte der relativ unbekannte Baumeister Antonio Da Ponte 1591 zur Fertigstellung der Rialtobrücke benötigt. Calatrava nervte die Stadt mit seinem Meisterstück zwölf Jahre lang. Längst sind die Kosten von sechs auf zwölf Millionen Euro gestiegen. Rechnungshof und Staatsanwaltschaft untersuchen die unzähligen Verzögerungen und Pannen. Seit Jahren schieben sich Projektant, Baufirma und Gemeinde gegenseitig die Schuld dafür zu.

Nicht behindertengerecht

Bei der Begutachtung des Projekts hatte die Gemeinde beanstandet, dass die Fußgängerbrücke nicht behindertengerecht geplant worden war. Die Forderung nach entsprechender Nachbesserung wies der Katalane als "ästhetische Beeinträchtigung des Projekts" zurück.

Bizarrer Kompromiss

Rollstuhlfahrer sollten zur Überquerung des Canal Grande ein "horizontales Verkehrsmittel" wählen. Die Stadtregierung und der Architekt fanden schließlich einen bizarren Kompromiss.
Am Fuß der Brücke soll eine Einzel-Kabinenbahn Behinderten die Querung des Kanals ermöglichen - in 17 Minuten. Die allerdings muss erst errichtet werden - mit zusätzlichen Kosten für die Gemeinde. Die Zeitung La Nuova Venezia sieht im nebeligen Herbst schon neues Ungemach kommen: "Da werden die Passanten serienweise über die feuchten Glastreppen purzeln." (mil, mu/ DXER STANDARD Printausgabe 18.9.2008)

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