Hasard mit den Ersparnissen anderer

17. September 2008, 19:57
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"Überlasst das Gambeln Las Vegas", die US-Finanzkrise als Ende einer Ära - Kommentar der anderen von Thomas L. Friedman

"Überlasst das Gambeln Las Vegas", fordert der Kolumnist der "New York Times", der die US-Finanzkrise als Ende einer Ära betrachtet. Nun müsse die Regierung nicht nur rettend eingreifen, sondern auch neue Regeln aufstellen.

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Während ich beobachte, wie manche Finanzwerte ausgelöscht werden, höre ich eine Stimme, die nach der eines Croupiers in Las Vegas klingt, der die von den Spielern beim Blackjack verlorenen Jetons cool einsammelt: "Danke, dass Sie gespielt haben, meine Damen und Herren."

Das passiert, wenn eine Blase platzt. Man fühlt sich ausgelöscht, und die Coolness, mit der die Croupiers - in diesem Fall die Märkte - alle Jetons einsammeln, ist enervierend. Man kann leicht überreagieren, und es ist wichtig, das nicht zu tun. Es ist an der Zeit, kühl zu überlegen, was die Märkte am besten tun können und was die Regierungen besser machen müssen.

Versuchen wir zu verstehen, was da geschehen ist: Die Wall Street - also die Finanzwirtschaft - ist in den vergangenen Jahren zu einer Blase geworden. Gründe waren ein Überschuss an Liquidität und die älteste Blasen-Ursache der Geschichte: Gier. Einige der gescheitesten Leute habe eine der ältesten Anlegerregeln vergessen: Es gibt keinen Gewinn ohne Risiko. Wenn man zu hohen Ertrag will, wird man sich früher oder später verbrennen. In den 90er-Jahren vermutete man diese "risikolosen" hohen Erträge bei den dot.com-Aktien. Die Version dieses Jahrzehnts sind die "Subprime"-Hypotheken und die Finanzwerte. Wie die Internetaktien in den 90ern wurden die Finanzwerte und die Gehälter der Wall-Street-Manager in lächerliche Höhen getrieben. Jetzt platzt die Blase live und in Farbe: "Danke, dass sie gespielt haben, Lehman Brothers." Das ist wirklich traurig für eine 158 Jahre alte Firma.

Die Ursachen der Krise


Ein Grund, warum diese Blase so groß wurde, ist nun gut bekannt. Die Kategorie der Subprime-, also der schlechter besicherten Hypothekarkredite, ermöglichte es viel mehr Menschen, zu Hausbesitzern zu werden - ein wahrer Segen. Die Banken, die diese Kredite vergaben, verkauften sie an eine Firma weiter, die tausende Subprime-Kredite bündelte. Diese wurden dann in Form neuartiger Wertpapiere an Institute weiterverkauft, die hohe Erträge suchten. Doch diese Papiere verloren ihren Wert, als der Häusermarkt zusammenbrach und die Schuldner ihre Kredite nicht zurückzahlen konnten. Die Banken hatten die Verluste zu tragen, und die ganze Pyramide stürzte ein. Das infizierte den gesamten Immobilienmarkt.

Die Banken wussten nicht mehr, was ihre hypothekarisch besicherten Kredite wert waren. Sie hörten auf, Kredite zu vergeben. Diese Kreditverknappung ist es, die diese Krise so tödlich macht. Wir können auf Dauer nicht eine Situation tolerieren, in der die Banken sich weigern, Kredite an gute Kunden zu vergeben.

Deshalb muss der US-Kongress wieder eine "Resolution Trust Corporation" schaffen, ähnlich jener, die in den 80er-Jahren den Ausweg aus der amerikanischen Sparkassenkrise brachte. Wie damals ist es notwendig, eine Regierungsbehörde zu gründen, die die "vergifteten" Hypothekarkredite von den Banken aufkauft, einige Zeit behält und später in geordneter Form verkauft. Das würde Notverkäufe von Häusern und Hypotheken verhindern und das Vertrauen in die Banken wieder herstellen.

Längerfristig ist es aber notwendig, dass Regulatoren herausfinden, wie man die Höhe des Risikos begrenzen kann, das Banken oder Versicherungen auf einmal auf sich nehmen können. Angesichts dessen, wie sie heute allesamt in der globalen Wirtschaft miteinander verwoben sind, kann der Zusammenbruch einer Bank viele andere mit sich reißen.

"Wir sind am Ende einer Ära - am Ende des Spruches ,Überlasst es den Märkten' und der faulen Ausrede, dass weniger zu regieren besser zu regieren bedeutet", argumentiert David Rothkopf, ein früherer Beamter des Handelsministeriums in der Regierung Clinton.

Zusammengefasst geht es darum, die Grenze zwischen dem Risiko zu finden, das notwendig ist, um eine innovative Wirtschaft weiterzutreiben, und einem verrückten Hasardspiel mit den Ersparnissen anderer. Was in Las Vegas geschieht, soll dort bleiben. Wir müssen wieder darauf zurückkommen, in unsere Zukunft zu investieren, statt auf sie zu wetten. (Thomas L. Friedman, DER STANDARD, Print-Ausgabe,18.9.2008)

Zur Person

Thomas L. Friedman (55), US- Kolumnist und dreifacher PulitzerPreis-Träger. © New York Times Übersetzung: Erhard Stackl

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    Der Nachrichtenticker von Dow Jones auf dem New Yorker Times Square übermittelt diese Woche eine Schockmeldung nach der anderen über krachende Großfirmen: "Danke, dass sie gespielt haben.

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