Staatsgeheimnis US-Geschäft

17. September 2008, 22:02
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Die Finanzkrise und ihre Auswirkungen auf Österreich sind politisch brisant

Sie gelten als Menschen der Zahlen, die Spitzenbanker und Finanzfachleute, die sich am Mittwoch in aller Herrgottsfrühe im Finanzministerium bei Wilhelm Molterer eingefunden hatten. Doch öffentlich über jene Zahlen zu reden, das sollte tunlichst vermieden werden: Höchste Geheimhaltung sollte über das Engagement der heimischen Banken und Versicherungen bei Lehman Brothers, AIG, Merrill Lynch, Washington Mutual und Konsorten, also jenen einstmals renommierten US-Instituten, die jetzt in der Finanzkrise krachen.

Dem Ruf des Finanzministers zur morgendlichen Unterredung folgten unter anderem Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny, der für die Finanzaufsicht zuständige Notenbankdirektor Andreas Ittner, die Chefs der Finanzmarktaufsicht (FMA), Helmut Ettl und Kurt Pribil, Börsevorstand Heinrich Schaller, die Bankenbosse Walter Rothensteiner (RZB), Franz Pinkl (Volksbanken), Andreas Treichl (Erste) sowie die Versicherungschefs Günter Geyer (VIG) und Konstantin Klien (Uniqa).
VP-Chef Molterer war auch nach dem Ministerrat am Mittwoch nach mehrmaligem Nachfragen nichts Konkretes zu entlocken. Er wiederholte nur den Satz: „Unser Banken- und Finanzstandort ist stabil und verlässlich."

In Wiener Finanzkreisen geistert die unbestätigte Zahl von 600 Millionen Euro herum, die beziffern soll, wie hoch das „Exposure" heimischer Finanzhäuser in US-Papieren ist. Das heißt nicht, dass diese vollkommen abzuschreiben und damit verlustwirksam sind. Alles in allem wären Ausfälle zu verkraften, im Falle der Lehman-Brothers-Geschäfte rechnet man mit einem Drittel Abschreibungsbedarf.
Pikant im Wahlkampf ist zudem, dass ausgerechnet das schwarze Wirtschaftsbollwerk Raiffeisen relativ stark betroffen ist: Die Raiffeisen Zentralbank (RZB) hält Lehman-Bonds, die Netto-Risikoposition - fast ausschließlich Anleihen im „Senior"-Rang, also von Ratingagenturen topbewertet - beträgt laut involvierten Kreisen 252 Millionen Euro. Selbst ein - unwahrscheinlicher - Totalausfall wäre verkraftbar: Die RZB-Gruppe erzielte alleine im ersten Halbjahr 2008 einen Gewinn vor Steuern in Höhe von 879 Millionen Euro. Trotzdem hält die RZB, so wie andere Institute auch, in dieser Woche eine Sonderaufsichtsratssitzung zum Thema ab.

Ebenso betroffen sind Volksbank, Bank Austria und Erste Bank mit jeweils 40 bis 50 Millionen Euro. Laut Wirtschaftsblatt sind auch die Constantia Privatbank, die Fondsgesellschaft C-Quadrat und die M&A-Privatbank involviert. (gra, szem, DER STANDARD, Print-Ausgabe,18.9.2008)

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