Handelswiederaufnahme in Moskau für Freitag erwartet

18. September 2008, 16:54
2 Postings

Experten: Bei freundlicher internationaler Börsentendenz Erholung zur Eröffnung möglich - Konsolidierung im Finanzsektor überfällig

 

Wien - Nach Einschätzung von Fondsmanagern und Analysten dürfte die massiv eingebrochene Moskauer Aktienbörse nach ihrer Handelsaussetzung am Freitag, spätestens aber Montag wieder den Betrieb aufnehmen. Am Mittwoch war die Moskauer Börse wegen Sorgen um mögliche Liquiditätsprobleme einiger Marktteilnehmer bis auf weiteres geschlossen worden, nachdem der Markt vor dem Hintergrund der Finanzkrise binnen weniger Tage massiv eingebrochen war. Der russische RTS-Index notierte zuletzt bei 1.058,84 Punkten und hat damit seit Jahresbeginn 53,7 Prozent an Wert eingebüßt. Der Micex-Index notierte bei 853,93 Punkten und liegt damit seit Jahresbeginn 54,7 Prozent im Minus.

Die Experten der Erste Bank-Fondsgesellschaft Sparinvest erwarten für morgen, Freitag, die Wiederaufnahme des Handels. Nach den Milliarden-Geldspritzen der russischen Regierung stellen sich die Sparinvest-Experten auf eine positive Eröffnung nach dem jüngsten Kurseinbruch ein. "Der Verkaufsdruck hat nachgelassen, wir sind optimistisch, dass es zu einer positiven Gegenreaktion nach Wiedereröffnung der Börsen kommen wird", so der Sparinvest-Fondsmanager Günter Schwabl.

Auch Raiffeisen-Analyst Gintaras Shlizhyus glaubt, dass der Markt am Freitag - möglicherweise mit Einschränkungen - den Handel wieder aufnimmt. Die Maßnahmen und Liquiditätsspritzen der russischen Regierung zur Stützung des Finanzsystems wertet der Experte positiv. Allein schon, dass die Regierung die Krise als solche anerkannt hat, sei positiv zu werten.

Ein freundliches internationales Börsenumfeld vorausgesetzt, könnte sich auch der russische Markt etwas erholen, allerdings bei vorerst schwachem Volumen, glaubt Shlizhyus. Wenn die internationalen Börsen am Freitag allerdings ihre Talfahrt fortsetzen, dürfte es auch für die Moskauer Börse sehr schwierig werden.

Schlechte Stimmung

Die Stimmung in Moskaus Financial Community sei nach Händlerberichten weiter stark angeschlagen. So haben die Liquiditätsprobleme einzelner Broker, die in Folge zur Schließung der Börse am Mittwoch geführt haben, eine Vertrauenskrise im System ausgelöst. Zudem sei die Stimmung für Aktien derzeit generell schlecht in Russland. "Nur wenige Leute sagen, dass es Zeit ist, Aktien zu kaufen", berichtet der Experte. Die jüngsten Verkäufe an der Moskauer Börse gingen dabei vor allem auf russische und nicht auf internationale Anleger zurück.

Peter Bodis, Osteuropa-Fondsmanager bei Pioneer Investments Austria erwartet die Wiederaufnahme des Handels spätestens am Montag. Die Eröffnungstendenz dürfte dabei vor allem von der internationalen Börsenstimmung abhängen, glaubt auch Bodis. Angesichts der zeitweisen Gewinne von russischen Aktien an der Londoner Börse sei dabei eine Erholung vorstellbar. Große Bedeutung werde angesichts der starken Gewichtung von Energiewerten auch die Entwicklung des Ölpreises haben. Angesichts des Ölpreises seien russische Aktien derzeit stark unterbewertet, glaubt Bodis. Die jetzigen Aktienkursrückgänge würden in ihrem Ausmaß dem Effekt eines Ölpreisrückgangs auf ein Niveau um die 50 US-Dollar je Barrel entsprechen, so der Experte.

Nach den Liquiditätsproblemen einzelner Marktteilnehmer dürfte jetzt die Liquiditätslage der Brokerhäuser geprüft werden, glaubt Bodis, die Handelsaussetzung zur Begrenzung der Verkaufspanik "war sicherlich die richtige Entscheidung". Auch einige Kunden konnten den Margin-Calls ihrer Broker Marktkreisen zufolge zuletzt nicht nachkommen. Nach Angaben von Händlern dürfte die Situation aber wieder unter Kontrolle sein.

Überfällige Konsolidierung

Generell sei eine Konsolidierungsphase in der russischen Bankbranche überfällig, es gebe zu viele zu kleine Banken, sind sich Bodis und Shlizhyus einig. Die jetzige Situation sei daher als Chance der Konsolidierung und der Neuregulierung des Banksektors zu sehen, so Bodis.

Am Mittwoch haben die Liquiditätsprobleme eines Brokerhauses im Zusammenhang mit Repo-Geschäften Händlern zufolge zu Ängsten vor Liquiditätsproblemen anderer Häuser und damit zu einem Austrocknen der Liquidität und einer Abwärtsspirale an der Moskauer Börse geführt. Der mittelgroße Broker Kit Finance erklärte am Dienstagabend, einigen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen zu können. In Folge wurde der Handel an der Moskauer Börse vorerst bis auf weiteres gestoppt. Berichten zufolge wurde Kit Finance mittlerweile von einem zum Gasriesen Gazprom gehörenden Haus übernommen.

Präsident Dmitri Medwedew hat am Donnerstag angekündigt, 500 Mrd. Rubel (13,80 Mrd. Euro) zur Stabilisierung der Finanzmärkte bereitzustellen. Die Behörden verboten zudem auf unbestimmte Zeit Leerverkäufe, mit denen Händler auf fallende Kurse wetten. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Einen derartigen Kollaps der Börse hielten Händler bis vor kurzem für unmöglich. Seit Mai ist der RTS 60 Prozent eingebrochen.

Share if you care.