Kopf des Tages: Thomas Geierspichler

17. September 2008, 19:14
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Wand, Wahn, Wandel, Weltrekord - Thomas Geierspichler, Paralympionike im Rennrollstuhl-Marathon

"Gott sei Dank" sagt sich oft so schnell dahin. Mag sein, Thomas Geierspichler wählt ganz bewusst andere Worte. "Ich danke Gott", sagt er und meint es auch so. Denn: "Ich beziehe aus dem Glauben und der Bibel und nicht aus materiellen Dingen Kraft."

Am Mittwoch hat sich Geierspichler (32) zum achten Mal im Rahmen von Paralympics bei Gott bedankt. Zum Abschluss der Behindertensportspiele in Peking hatte der Salzburger den Marathon der Rollstuhlfahrer gewonnen, es war für ihn die zweite Medaille in Peking, die achte insgesamt. Nach 1:40,07 Stunden war der Querschnittgelähmte im und am Ziel, er verbesserte seinen Weltrekord um mehr als drei Minuten.

4. April 1994, halb sechs in der Früh. Auf der Heimfahrt von der Disco nickt Geierspichler ein. Auf dem Beifahrersitz. Wenig später wird auch sein Sitznachbar vom Schlaf überwältigt, das Auto fliegt aus einer Kurve, in eine Wand. Geierspichler spürt ein Kribbeln in den Füßen, das Kribbeln steigt hoch in die Beine, in den Unterleib, in den Oberkörper. "Bloß nicht in den Rollstuhl", hofft er. Zwei Monate später sagt ihm der Arzt: "So wie es aussieht, wirst du nie wieder laufen können."

"Weißt du, dass Jesus dich heilen kann?" Die entscheidende Frage. Der sogenannte Tom bekommt sie 1997 von einem gewissen Wolfgang gestellt, der ihm auf einer Party über den Weg läuft. Er versucht es lieber mit Alkohol und Drogen. Seit drei Jahren sitzt Geierspichler im Rollstuhl. In diesen drei Jahren hat er sein Schicksal nicht gepackt, hat er gehascht und gebechert. Da taucht Wolfgang, der aussieht "wie ein übriggebliebener Hippie", noch einmal auf. Geierspichler sitzt in einem Lokal "bekifft in der Ecke". Zwei Stunden lang reden sie über die Welt und vor allem über Gott. Und Geierspichler, wenn man so will, lässt mit sich reden.

Ende 1997 dämpft er den letzten Tschick aus. "Und wo ich schon dabei war, hab ich auch das Saufen und Kiffen sein lassen." Er fastet, trainiert, liest und betet, einen Monat lang. "Da begann Gott meine Seele zu heilen." Auf MTV sieht er eine Reportage über Rennrollstuhlfahrer, er probiert einen Marathon, ist nicht mehr zu halten, qualifiziert sich für die Paralympics 2000 (Sydney), holt die erste Bronzene.

Und jetzt hält Geierspichler Motivationsseminare. Er schwimmt, spielt Rollstuhlrugby. Bald geht er mit seiner Mutter und seiner Freundin Rosi auf Wallfahrt. Und jetzt dankt er Gott. "Ich kann auch damit leben", sagt Thomas Geierspichler, "wenn er mich nicht heilt." (Fritz Neumann, DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 18. September 2008)

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    Thomas Geierspichler: "Ich beziehe aus dem Glauben und der Bibel und nicht aus materiellen Dingen Kraft."

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