Intrigenbarock und Folter der Monotonie

17. September 2008, 18:24
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Premiere von "Ariodante" im Theater an der Wien

Wien - Proben sonder Zahl und als deren Folge Aufführungen mit Ausnahmequalität - darin besteht der theoretische Charme eines Stagionetheaters. Als ein solches hat das Theater an der Wien zum Glück jedoch auch noch den segensreichen Vorteil, dass es nahezu jeden Monat eine Neuheit präsentiert und man sich schon jetzt auf Orfeo ed Euridice (ab 14. Oktober) freuen kann. Wobei: Nach dieser die Geduld olympisch fordernden Aufführung von Händels Ariodante wäre man sogar für eine Vorverlegung der kommenden Premiere, um vielleicht Trost zu erfahren, um diese Übernahme vom Pariser Theatre des Champs-Élysées schnell aus dem Gedächtnis löschen zu können.

Mitunter kommt ja vor, was hier geschah: Auf gespenstisch elegante Art und Weise schließen sich einzelne Bestandteile einer Produktion zusammen, um im Sinne des Unerquicklichen ihre zeitraubende Wirkung zu entfalten. Es waren zwar nicht alle und alles grottenschlecht. Wirklich daneben war im Grunde nur die Regie. Allein, bei einer Oper wie Ariodante (mit ihren epischen Ausmaßen, mit ihrer Liebe zur Da-capo-Arie) kommt man mit soliden Mitteln nicht über die Runden. Das Ganze wird dann vom Werkcharakter nur erdrückt.

Die Regie von Lukas Hemleb also: In einem weißen, flexiblen Einheitsraum mit schokoladefarbenen Andeutungen einer Burg sind die Figuren zumeist ganz auf ihre zum Teil hilflosen Darstellungskünste angewiesen. Tanz und Pantomime beleben zwar ein bisschen; putzige Einfälle (wie "lebende Bäume") können allerdings nicht dafür entschädigen, dass es an markanten, emotional aufgeladenen Stellen zu Orgien der szenischen Unbedarftheit kommt. Da ist der allzu nette Ariodante - angesichts des Glaubens, seine Ginevra hätte sich an anderer Männerfront schon vergnügt - unterwegs zum Selbstmord. Doch Caitlin Hulcup verbreitet - dolchschwingend - vorwiegend perfekten Schülertheatercharme.

Da wir schon dabei sind, szenisch Mediokres zu erwähnen: Auch Vivica Genaux (als intriganter Polinesso) würzt ihre vokale Unscheinbarkeit mit einem gewissen Nichts im Bereich der Bühnenpräsenz. Und singen Luca Pisaroni (als Il Re) und Topi Lehtipuu (als Lurcanio) durchaus passabel, so reicht das alles nicht aus, um sie als intensive Bühnenfiguren erscheinen zu lassen.
Dramatischer Unterton

Immerhin zwei Damen: So ist Danielle de Niese zweifellos theatrales Talent gegeben. Vokal steigert sie sich im Laufe des endlosen Abends, lange Zeit allerdings schwingt ein unfreiwillig dramatischer Unterton in ihrer Stimme mit, der ein bisschen belästigt, da er mit dem intendierten Ausdruck nichts gemein hat. Eine solide Sängerin, die allerdings an diesem Abend keine Belege für die PR-Behauptung liefert, eine neue Szenebesonderheit zu sein. Eher würde man Maria Grazia Schiavo als Überraschung bezeichnen. Bei ihr bündeln sich szenische und vokale Ausgewogenheit (Koloraturen, Pianokultur, Attacke) zu einem eleganten, den Abend auffrischenden Gesamtausdruck.

Eine tadellose Leistung ist jedoch zu wenig. Zumal aus dem Orchestergraben ein starrer Einheitssound tönt, der sich jeden Ausdruck, jegliche emotionelle Färbung versagt und Les Talens Lyriques als barocke Musikmaschine erscheinen lässt, die nur noch Monotonie zelebriert und mit Christophe Rousset einen Dirigenten aufweist, der sich mit dem Buchstabieren von Noten begnügt. Dominique Mayer, kommender Staatsopernchef, hat in Paris diese Produktion angebahnt. Auch in Wien will er punktuell Barockoper spielen lassen. Den Vorsatz zu überdenken könnte nicht schaden. (Lubisa Tosic, DER STANDARD/Printausgabe, 18.09.2008)

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    Maria Grazia Schiavo (als Dalinda) und Vivica Genaux (als Polinesso).

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