"Mediokre Qualität"

17. September 2008, 16:52
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Im Kulturministerium von Claudia Schmied (SPÖ) wurde eine Liste mit Förderungen erstellt, die "nicht mehr sinnvoll erscheinen und 2009 auslaufen sollten"

Wien - Am Mittwochvormittag legte der Standard SPÖ-Kulturministerin Claudia Schmied ein Dokument mit beispiellosem Inhalt vor. Denn in diesem wird Andrea Ecker, die Leiterin der Kunstsektion, über Förderungen informiert, "die aus Sicht der Abteilungen nicht mehr sinnvoll erscheinen und 2009 auslaufen sollten" . Die theoretisch einzusparende Summe beträgt 5,35 Millionen Euro.

Betroffen wären - siehe Faksimile - auch die renommiertesten Kulturinstitutionen: Wiener Symphoniker, steirischer herbst, Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, Arnold Schönberg Center, Schauspielhaus Wien, Brucknerfest Linz, Tiroler Festspiele Erl et cetera.

Schmied reagierte entsetzt: "Ich kenne diese Liste nicht, sie ist nicht mein politischer Wille." Ihr Pressesprecher, Nikolaus Pelinka, wollte eine Fälschung nicht ausschließen, bekannte dann aber ein, dass es sich um eine "Denksportaufgabe des Beamtenapparats" handle.

War es wirklich nur eine solche? Tatsache ist: Die Abteilungen der Kunstsektion erstatteten auf Geheiß Meldung, welche Förderungen aus ihrer Sicht gekürzt oder gestrichen werden könnten.

Manche Abteilungsleiter verweigerten die Antwort - und gaben eine "Leermeldung" ab: Weil sie nicht einmal in der Theorie über Subventionskürzungen, mögen sie auch noch so berechtigt sein, nachdenken wollten. Denn über die künstlerische Qualität zu befinden, steht den Beamten nicht zu.

Andere hingegen scheuten nicht vor Urteilen zurück - und verwendeten ein Vokabular, das bisher nur von BZÖ/FPÖ bekannt war. Die Abteilung VI/2, zuständig für Musik, Schauspiel und Tanz unter der Leitung von Hildegard Siess, betätigte sich übereifrig. Über die Tiroler Festspiele Erl heißt es:"Wagner-Festspiele in teilweise mediokrer Qualität ohne innovativen, exemplarischen Anspruch" . Über das Brucknerfest: "Künstlerisch sind sowohl Klangwolken wie das eigentliche Brucknerfest ziemlich ausgedünnt." Über das Serapionstheater:"Geringer künstlerischer Output, hohe Kosten" . Über die Schlossspiele Kobersdorf:"Völlig überzogene Gehälter für die künstlerische Leitung; Sommertheater ohne Anspruch auf innovativ, exemplarisch, überregional".

Zur Ehrenrettung der Beamten ist anzumerken, dass im Gros der Fälle berechtigt mit dem "Konnexitätsgrundsatz" argumentiert wird. Dieser besagt, dass derjenige, der die Verantwortung für die Erfüllung einer Aufgabe trägt, auch die Kosten für die Erfüllung zu tragen hat. Das Schauspielhaus Wien ist eben eine GmbH der Stadt Wien, der steirische herbst eine GmbH der Stadt Graz und des Landes Steiermark, die Tonkünstler sind ein Betrieb des Landes Niederösterreich usw. Zudem wird mitunter darauf hingewiesen, dass eine Förderung gegen die Richtlinie verstößt. Schmied weiß diese Ansätze auch zu schätzen: "Es kann nicht heißen: Einmal gefördert, immer gefördert. Sich zu überlegen, wie Neues gefördert werden kann, ist prinzipiell nicht verwerflich." (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe, 18.09.2008)

  • Kulturpolitik mit dem Rotstift: die erste Seite eines zehnseitigen
Dokuments über mögliche Subventionskürzungen bzw. -streichungen, das
dem Standard zugespielt wurde.
    bild: der standard

    Kulturpolitik mit dem Rotstift: die erste Seite eines zehnseitigen Dokuments über mögliche Subventionskürzungen bzw. -streichungen, das dem Standard zugespielt wurde.

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