"Die Masse rennt immer in eine Richtung"

20. November 2008, 17:40
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Auch nach dem Platzen der Technologie- und Immobilienblase lernen die Marktteilnehmer nicht dazu. Blasen wird es immer geben, sagt Privatbanker Wolfgang Traindl im Interview

STANDARD: Die Börsen sind derzeit weltweit sehr volatil. Was sind die größten Sorgen der Anleger?

Traindl: Die größte Angst ist, dass sie Verluste, die sie jetzt erleiden, nicht mehr aufholen können. In so starken Abwärtsphasen wie derzeit erleidet eigentlich jeder Kunde Verluste. Selbst wenn die Aktienquote im Portfolio gering ist, musste man Verluste hinnehmen.

STANDARD: Was kann man als Anleger in so einer Phase tun?

Traindl: Die Frage, die man sich stellen muss ist, ob man in Titel investiert hat, die sich aus der gesamtwirtschaftlichen Situation heraus wieder erfangen können. Ist dem nicht so, sollte man sie gegen andere Produkte tauschen. Die zweite Frage ist, wie lange der Atem ist - also wann man das veranlagte Geld wieder braucht. Jenen Betrag, den man in den nächsten Monaten braucht, sollte man liquid halten.

STANDARD: Dafür stehen die Konditionen ob des hohen Zinsniveaus derzeit ja nicht schlecht ...

Traindl: Ja, auf das Sparbuch kann man heute wieder ausweichen. Im Moment gibt es sehr attraktive Geldmarktzinsen. Man darf aber nicht vergessen, dass die Inflation massiv gestiegen ist.

STANDARD: Ist denn eine turbulente Phase an den Börsen wirklich die richtige Zeit, das Portfolio umzustrukturieren?

Traindl: Wichtig ist, dass man jetzt eine Review macht und das Portfolio so ausrichtet, dass es dem Anlagehorizont des Kunden entspricht. In einer Situation, wo die Volatilität hoch ist, ist Diversifikation wichtig. Ich sollte also nicht nur ein oder zwei Titel halten, an die ich in der Vergangenheit geglaubt habe. Man sollte sein Portfolio auf breitere Beine stellen - sowohl marktmäßig als auch einzeltitelmäßig. Niemand kann sagen, wann und wo der Aufschwung wieder beginnen wird.

STANDARD: Sind Kunden geneigt, dies in der jetzigen Phase tatsächlich zu tun?

Traindl: Die Kunden sind im Moment doppelt ängstlich. Es gibt eine Phase der Resignation, in die man als Kunde schlittert, wenn die Verluste groß werden. Aber genau in dieser Phase ist es wichtig, dass man nicht resigniert, sondern sich die Dinge anschaut und die Veranlagung eventuell neu aufstellt. Eines ist schon klar: Die "Darlings" an den Märkten von gestern müssen nicht die Titel sein, die auch in Zukunft die beste Performance zeigen werden.

STANDARD: Zuletzt haben viele auf Immobilien gesetzt.

Traindl: Diese Titel wurden gehypt und sind zuletzt stark zurückgekommen. Man muss sich die Bewertungen anschauen, um zu entscheiden, welche Immo-Titel man behält und welche nicht. In einer Phase wie jetzt sollte man nicht mutig sein und Unternehmen kaufen, die nur interessante Technologien haben, aber noch keine Gewinne erzielen. Man sollte sich solide Titel suchen.

STANDARD: Welche Aktien sind derzeit solide?

Traindl: Man kann derzeit nicht abschätzen, welche Branche in den nächsten Monaten die beste sein wird. Finanztitel könnten wieder kommen, sie sind aber nach wie vor noch sehr volatil. Wo ich vorsichtig wäre, ist die extrem gehypte Rohstoffbranche. Da ist zuletzt viel Geld hineingeflossen. Das Wirtschaftswachstum verlangsamt sich aber, und wir sehen bereits, dass die Preise zurückkommen.

STANDARD: Ist die Rohstoff-blase die nächste, die platzt?

Traindl: Ich glaube nicht, dass die Rohstoffblase völlig platzen wird. Aber wir werden wieder zu Normalbewertungen zurückkehren. Vor ein paar Jahren hatten wir einen Rohölpreis von 40 Dollar, und heute freuen wir uns, dass wir in Richtung 100 Dollar zurückkommen.

STANDARD: Gibt es an den Märkten keinen Lerneffekt?

Traindl: Der Lerneffekt findet insofern nicht statt, als es immer eine Kombination aus Euphorie und Ernüchterung gibt. Es wird immer wieder Euphoriephasen geben. Oft sind sie auch real begründet. Bei Immobilien war es so, dass zu wenige da waren. Das gilt auch für Rohstoffe: Die Nachfrage ist gestiegen, die Ressourcen werden knapp. Die Märkte adaptieren sich aber. Hat man einen Nachfrageüberhang, wird mehr produziert. Steigen die Preise, kühlt die Nachfrage ab. Daher korrigiert sich jede Blase von selbst. Aber lernt man draus? Nein, die Masse rennt immer in eine Richtung.

STANDARD: Wann ist in einem Markt der beste Zeitpunkt fürs Ein- bzw. Aussteigen?
Traindl: Den besten Zeitpunkt zu finden gelingt nur wenigen. Würden alle den besten Zeitpunkt finden, gebe es überhaupt keinen Markt, denn es muss immer Käufer und Verkäufer geben.

STANDARD: Wie sieht ein konservatives Portfolio aus?

Traindl: Der Aktienanteil sollte bei 20Prozent liegen, der Cash-Anteil bei 30Prozent, 40 Prozent Anleihen und zehn Prozent in Alternativen Investments - alles breitgestreut nach Ländern und Branchen. Je mehr Risiko man möchte, desto größer die Aktienquote.

STANDARD: Gehören Zertifikate in ein Portfolio?

Traindl: Gute Frage. Geht es um Indizes, ist man mit ETFs steuerlich besser dran als mit Indexzertifikaten. Die Bonuszertifikate sind in der aktuellen Marktphase schon einsetzbar, weil man eine Absicherung nach unten hat und eine Bonusrendite bekommt - selbst wenn die Märkte seitwärts gehen.

STANDARD: Wie stehen Sie zu der alten Börsenweisheit "Augen zu und durch"?

Traindl: Diese Prämisse ist gut, aber nur unter der zweiten Prämisse, dass man Titel hat, die überleben werden. Es ist aber besser, in solchen Phasen nicht jeden Tag hinzuschauen und vielleicht die Nerven zu verlieren und vorschnell zu verkaufen. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Printausgabe, 18.9.2008)

Zur Person

Wolfgang Traindl (49) leitet die Bereiche Privat Banking und Asset-Management in der Erste Bank. Dorthin wechselte der Handelswissenschafter 1989 von der Girozentrale, wo Traindl Portfoliomanager war.

  • Die größte Angst der Anleger ist, dass sie Verluste nicht mehr aufholen können. Wolfgang Traindl empfiehlt Anlegern, auch in stürmischen Zeiten die Ruhe zu bewahren.
    foto: erste bank

    Die größte Angst der Anleger ist, dass sie Verluste nicht mehr aufholen können. Wolfgang Traindl empfiehlt Anlegern, auch in stürmischen Zeiten die Ruhe zu bewahren.

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