Blue Chips tanzen den Blues

17. September 2008, 14:05
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Lange hatte sich die US-Notenbank geziert - jetzt springt sie für die angeschlagene AIG doch in die Bresche, um eine weltweite Kettenraktion an den Finanzmärkten zu verhindern - doch der nächste Wackelkandidat steht bereits fest

Bis zum Schluss blieb sie stur, dann kam die dramatische Wende: Mit einem Not-Kredit von 85 Milliarden Dollar springt die US-Notenbank (Fed) der angeschlagenen AIG zur Seite.

Lange hatte sie staatliche Hilfen für den Versicherungsriesen immer wieder ausgeschlossen, doch alle Versuche der Regierung, Privatbanken und andere Investoren dazu zu bewegen, AIG Geld zu leihen, scheiterten. Eine Implosion der Finanzmärkte, ein unabschätzbarer Dominoeffekt wären die Folge gewesen, wäre die Notenbank stur geblieben. Immerhin erstrecken sich die Verflechtungen der AIG rund um den Globus. Der größte amerikanische Versicherer beschäftigt 100.000 Mitarbeiter in etwa 130 Ländern. Sein Angebot reicht von Lebensversicherungen über Kreditgarantien bis hin zur Verpachtung von Flugzeugen. Die weltweite Verflechtung ist also nicht vergleichbar mit der Markt-Präsenz von Lehman Brothers.

Dafür musste Lehman bluten, die Bank schlitterte ungebremst in die Insolvenz. Der Mix aus der Übernahme von Merrill Lynch und der Dramatik pur um die AIG sorgte für nackte Panik an den Börsen. Selbst durch das Last-Minute-Eingreifen der US-Notenbank glätten sich die Wogen nur für kurze Zeit, denn das Grundvertrauen in die Finanzbranche ist selbst nach noch so vielen Stützkrediten nicht herzustellen. Die anfängliche Euphorie an den europäischen Börsen endet in einer orientierungslosen Berg- und Talfahrt, nachdem neue Hiobsbotschaften schocken: Die Krise der größten britischen Hypothekenbank, der angeschlagenen HBOS, spitzt sich zu. Das Institut soll pleite sein. Die Aktien stürzen an der Spitze mit über 50 Prozent innerhalb von nur 30 Minuten ins Bodenlose und - noch schlimmer: Seit dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers hat HBOS die Hälfte seines Werts verloren und will sich nun in die Arme der Großbank Lloyds TSB retten. Doch ein Rückgang des Vorsteuergewinns von 70 Prozent im Halbjahr entbehrt jeglichen Charmes. Beispiel Lehman: Barclays zerfleddert die "Leiche", indem sich das Institut unter den Resten nur die besten Unternehmensteile sichert.

Die Folgen der US-Finanzkrise haben den europäischen Sektor endgültig und mit voller Wucht erreicht. In den USA selbst blieb Notenbank-Chef bei den Leitzinsen hartnäckig. Obwohl fast alle Marktteilnehmer gestern eine Zinssenkung forderten, wird der Leitzins weiter bei zwei Prozent bleiben. Ein kluger Schachzug. Nicht umsonst wies der Notenbanker selbst neben den Inflationsrisiken auch auf die angespannte Situation an den Finanzmärkten hin. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 17.9.2008)

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