Neue Hiobsbotschaften: Börsen rutschen ab

18. September 2008, 08:18
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Höchste Verluste in den USA seit 9/11 - Österreich stärker betroffen

 Neue Hiobsbotschaften vom Finanzmarkt ließen die US-Börsen am Mittwoch auf den tiefsten Stand seit Jahren einbrechen. Alle drei großen US-Indizes verloren mehr als vier Prozent. Der Leitindex Dow Jones rutschte um 4,06 Prozent auf 10.609,66 Punkte ab. Die Technologiebörse Nasdaq (minus 4,94 Prozent) und der weiter gefasste S&P-500 (minus 4,71 Prozent) mussten den höchsten prozentualen Tagesverlust seit 9/11 hinnehmen.

An der Wall Street ging die Angst um, obwohl die US-Regierung dem Versicherungsgiganten AIG 85 Milliarden Dollar Kapital zuschießt. Händler sorgten sich, dass auch die Investmentbank Morgan Stanley die Kreditkrise nicht überleben könnte. Die größte US-Sparkasse, Washington Mutual, hat ebenfalls Probleme und soll aufgefangen werden. In den USA sorgen die massiven Interventionen mittlerweile für finanzielle Engpässe.

Schlechte US-Konjunkturdaten drückten auf die Stimmung, der Ölpreis stieg um fast sechs Prozent auf 96,57 Dollar. Die Flucht ins Gold hat eingesetzt, der Goldpreis ist um 11,6 Prozent auf 870,90 Dollar pro Feinunze gestiegen.

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Die Flugzeuge der Air Berlin werden auch heute abheben. Business as usual, heißt es bei der deutschen Fluglinie, ebenso bei den Mitbewerbern GermanWings und LTU. An den Börsen war die Entspannung nach den Neuigkeiten aus den USA groß: Der Versicherungskonzern American International Group (AIG) wurde gerettet – mit Hilfe der amerikanischen Notenbank (Fed). Damit ist auch der Flugbetrieb vieler Flugunternehmen sichergestellt. Denn die AIG-Tochterfirma International Lease Finance Corporation (ILFC) besitzt über 1000 Flugzeuge und ist damit die weltweit zweitgrößte Flugzeugleasingfirma.

Auch die Austrian Airlines wird als Kunde der ILFC geführt. Doch die AUA habe nur einmal ein Flugzeug an die AIG-Tochter verkauft, so die Konzernsprecherin. Der Versicherer AIG unterhält weltweit Tochterfirmen, von den USA über Europa bis Vietnam. Ein langweiliger Versicherungskonzern ist AIG schon lange nicht mehr. Neben den Assekurranzgeschäften unterhält die AIG auch größere Sparten zu Finanzprodukten und Vermögensverwaltungen.

Leasingunternehmen, Kreditversicherer und Privatbanken tummeln sich im Firmennetz des weit vernetzten Versicherers (siehe Grafik oben). Fed nimmt Ruder in die Hand 2007 setzte der Versicherer 110 Milliarden Dollar um. Seine Vermögenswerte belaufen sich auf über eine Billion Dollar, knapp 706 Milliarden Euro oder fast drei Mal das heimische Bruttoinlandsprodukt. Von AIG waren damit zu viele Menschen abhängig, um von den amerikanischen Behörden in die Pleite geschickt zu werden.

Ein Kollaps des Versicherers hätte laut Experten das Finanzsystem in seinen Grundfesten erschüttert. Analysten der Royal Bank of Scotland sehen vor allem bei europäischen Banken starke Verbindungen mit AIG. Der Rettungsreifen der Fed war daher auch für die Börseplätze in Frankfurt und Paris wichtig. 85 Milliarden Dollar hat die Notenbank in die Hand genommen, um AIG unter die Arme zu greifen. Der Kredit soll über zwei Jahre gewährt werden, dafür übernimmt der Staat 79,9 Prozent von AIG. Damit muss die US-Regierung erneut für ein Finanzinstitut Geld bereitstellen.

In einer Aussendung schreibt AIG: "Im Ausgleich für die notwendige Unterstützung erhalten die amerikanischen Steuerzahler eine substanzielle Mehrheitsbeteiligung an AIG." Von dieser Mehrheit möchte die Fed, die auf Kosten der Steuerzahler das Institut übernommen hat, auch Gebrauch machen. Nach Berichten des Wall Street Journal wird das Top-Management der AIG von den Notenbankern ausgetauscht. Doch auch der Verkauf von Vermögenswerten stehe im Raum. So solle auch die Flugzeugleasingsparte unter den Hammer kommen.

AIG als Garantiegeber

Laut der Webseite ist AIG in Österreich seit 1971 aktiv, insbesondere im Bereich der Industrieversicherungen. Trotz mehrfacher Anfragen in den AIG-Büros in Wien, Frankfurt, Paris und New York konnten die AIG-Mitarbeiter keine nähere Auskunft über das Österreich-Geschäft geben Eines ist aber sicher: AIG ist, ähnlich wie Lehman Brothers, der Garantiegeber für Produkte im Lebensversicherungsbereich. Bei der Salzburger Versicherung Wüstenrot stellt AIG die Garantie für die prämienbegünstigte Zukunftsversorgung zur Verfügung. 1500 Kunden haben insgesamt 16 Millionen Euro investiert. Auch sie konnten nach der AIG-Rettung aufatmen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe,18.9.2008)

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