Analyse: Strache - Faymann

17. September 2008, 07:22
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Tatjana Lackner, Politiker-Profilerin und Direktorin der Schule des Sprechens, analysiert für den Standard die politische Rhetorik der TV-Konfrontationen

Mittlerweile wurde jeder Spitzenkandidat schon mindestens zweimal mit einem andersfarbigen Polit-Gegenüber konfrontiert, und der Informationswert sinkt dramatisch. Im Berufsalltag muss sich jeder Präsentator frische Beispiele und anschauliche Modelle für seine Aussagen überlegen; besonders, wenn er vor denselben Zusehern wiederholt bestehen muss. Warum kommen Politiker - die wortgewandte und fesselnde Profi-Redner sein sollten - mit den ewig gleichen Ansichten und einer so schwachen Performance davon?

Pingpong

Die Rollen schienen von Beginn an verteilt: Strache holte langatmig aus. Der neun Jahre ältere Faymann beschwichtigte und stritt sämtliche Vorwürfe ab: "Auch mir sind die Sorgen und Ängste Ihrer Wähler wichtig." Beide buhlten um die "Ärmsten" im Lande, als wären sie die Rosinen im Wählerkuchen.

Rhetorisch verlief diese Konfrontation wenig anspruchsvoll - mehr Vergangenheitsbewältigung als Lösungen für die Zukunft. Anschuldigungen statt Argumenten. - Zumal die politischen Entwürfe kaum überraschten. Denn: Nach Haider - Faymann am letzten Donnerstag schien zwischen Sozialdemokraten und Freiheitlichen ohnehin alles besprochen. Strache war wieder einmal später dran als sein "Original" - fast hatte man ein Déjà-vu: "Sie waren der Koordinator dieser Regierung." Werner Faymann möchte weder mit dem BZÖ noch der Strache-FPÖ regieren - sagte er hier.

Wut-Taktik

Indem sich Strache auf die Seite seiner Befürworter stellte und vertretungsweise für sie wütend wurde, vermittelt er diesen Menschen das Gefühl, ein Sprachrohr zu haben. "Sie inserieren in türkischer Sprache!" 6.332.931 Österreicher sind wahlberechtigt und viele noch unentschlossen. Straches imaginäre Anwaltschaft kann ein cleverer Schachzug im Rennen um Gunst und Glaubwürdigkeit sein.

Nach Haiders Kärnten war nun Wien im Brennpunkt der Nationalratswahl. Faymann bezichtigte den FPÖ-Spitzenkandidaten der Faktenfälschung. Strache warf dem ehemaligen Wiener Wohnbaustadtrat Tatenlosigkeit in der ablaufenden Legislaturperiode vor. Sein initiiertes Themenhüpfen wurde von Thurnher gerügt: "Die Spielregeln sind hier so, dass ich die Fragen stelle." Der blaue Parteiobmann in Rollendiffusion - zwischendurch trat er in Wettstreit mit der Moderatorin.

Oft siegte die lautere Stimme, nicht das bessere Argument. Wer sind die Berater, die Politikern empfehlen, einfach weiterzureden, sobald der andere unterbricht? (Tatjana Lackner/DER STANDARD Printausgabe, 17. September 2008)

 

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