US-Notenbank Fed ignoriert Rufe nach Zinssenkung

16. September 2008, 22:06
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Schlüsselzins unverändert bei zwei Prozent wegen Inflationsangst

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat trotz der dramatischen Zuspitzung der Finanzkrise und lautstarker Rufe nach Hilfsmaßnahmen die Zinsen in den USA nicht weiter gesenkt. Die Währungshüter um Ben Bernanke beließen am Dienstag den für die Banken entscheidenden Schlüsselzins bei 2,0 Prozent, teilte die Fed am Dienstagnachmittag in Washington (Ortszeit) mit.

Volkswirte hatten vor der Zuspitzung der Finanzkrise mit dieser Entscheidung gerechnet, und auch die US-Märkte haben bei ihrem Schwenk in die Gewinnzone bereits eine Zinssenkung vorweggenommen. Nach Bekanntgabe des unveränderten Zinssatzes fiel der Leitindex Dow Jones jedoch um rund ein Prozent zurück in den roten Bereich, konnte sich aber kurz darauf wieder erholen. Die US-Notenbank hat damit zum dritten Mal hintereinander den Leitzins nicht verändert, der zuvor von 5,25 Prozent im August 2007 auf 2,00 Prozent reduziert worden war.

Indes haben Zentralbanken weltweit bereits den zweiten Tag in Folge am Dienstag gewaltige zusätzliche Finanzmittel in die globalen Finanzmärkte gepumpt, um weitere Unternehmenszusammenbrüche infolge der Finanzkrise einzudämmen. Von Sydney bis Frankfurt haben die Notenbanken Milliarden an Dollar und Euro aus Notfallsfonds in die Finanzmärkte eingeschossen, um die Liquidität zu erhöhen. Aber auch diese Maßnahmen konnten den Anstieg der Zinsen im Interbanken-Geschäft nicht bremsen - im Gegenteil.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat 70 Milliarden Euro in die Geldmärkte gepumpt, am Montag waren es 30 Milliarden Euro. Der Bedarf der Banken lag am Dienstag bei 100 Milliarden - ein Maßstab dafür, wie stark andere Quellen zur Finanzierung inzwischen ausgetrocknet sind. In Großbritannien stützte die Bank of England das Finanzsystem mit 20 Milliarden Pfund (25,2 Mrd. Euro), am Montag waren es fünf Milliarden Pfund. Der Bedarf lag am Dienstag dreimal so hoch wie die angebotene zusätzliche Liquidität.

Europäische Banken würden Bargeld horten für den Fall, dass sie zur Kasse gebeten werden, erklärte ein Händler. Die Zurückhaltung beim Geldverleih zwischen Banken führe dazu, dass erst bei sehr hohen Zinssätzen Geschäfte zustande kommen. Diese Entwicklung wird mittelfristig auch auf die Kreditnehmer durchschlagen.

Auch die asiatischen Zentralbanken traten am Dienstag in Aktion. Japan, Australien und Indien versorgten den Geldmarkt mit Bargeld. Regionale Banken verteilten 17 Milliarden Dollar, nachdem die US-Notenbank Federal Reserve am Montag 70 Milliarden Dollar eingeschossen hatte. Die Bank of Japan machte ihren größten Bargeldzuschuss seit fast sechs Monaten. 1,5Billionen Yen (10,13 Mrd. Euro) wurden in den Markt gepumpt.

Beruhigungspillen

Die Bank of Japan dürfte ihren Leitzinssatz heute, Mittwoch, unverändert bei 0,5 Prozent belassen. Die australische Notenbank pumpte am Dienstag rund 1,8 Milliarden Aussie-Dollar (1,0 Mrd. Euro) in das Bankensystem. Die indische Zentralbank schoss 60 Mrd. Rupien (0,9 Mrd. Euro) in den Markt; es war dies die größte Hilfe seit mindestens einem Monat. Russlands Zentralbank versorgte den Ein-Tages-Geldmarkt mit einem Rekordwert von 14 Mrd. Dollar.

Paris, Berlin und Rom vermeldeten, dass Banken in ihrem eigenen Geschäft nur begrenzten Schaden aus den Ereignissen jenseits des Atlantiks erleiden sollten. Frankreichs Wirtschaftsministerin Christine Lagarde und Deutschlands Finanzminister Peer Steinbrück erklärten, eines der Risiken außerhalb des Finanzsektors sei, in welchem Ausmaß Banken aufhören würden, Privaten und Firmen Geld zu verleihen, was die Wirtschaft allgemein treffen würde.

Die dramatische Zuspitzung hat Anleger am Dienstag verstärkt in die als sicher geltenden Staatsanleihen getrieben. Der für die europäischen Rentenmärkte richtungsweisende Bund-Future stieg auf 115,92 Zähler und erreichte damit den höchsten Stand seit Mitte April. Dadurch gerieten die Renditen weiter unter Druck. Die zehnjährige Bundesanleihe rentierte mit 3,953 Prozent nach 4,025 Prozent am Montag. (as, Reuters/DER STANDARD, Printausgabe, 17.9.2008)

 

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