Weltweites Gemetzel an den Börsen geht weiter

16. September 2008, 19:00
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Nachdem der Dow Jones Montag seinen größten Verlust seit 9/11 verzeichnete, setzte sich die Schockwelle Dienstag in Asien und dann in Europa fort. Finanztitel bluteten am meisten.

Wien - Auch am Dienstag waren die Märkte weltweit noch traumatisiert, unter dem Eindruck des größten Verlusts an der Wall Street seit den Terroranschlägen von 9/11. Nach dem Konkursantrag von Lehman Brothers und der Übernahme von Merrill Lynch durch die Bank of America stürzte der Dow Jones am Montag um 504,48 Punkte (4,4 Prozent) auf 10.917,51 Punkte ab, dem tiefsten Stand seit dem 21. Juli 2006, 23 Prozent unter dem Rekordhoch vom 9. Oktober des Vorjahres. Während Aktienkurse steil nach unten fielen und die Derivatmärkte einfroren, suchten Anleger bei Regierungsanleihen einen sicheren Hafen. Kurz vor Handelsschluss drückten dann Befürchtungen um die Stabilität des weltgrößten Versicherers AIG die Kurse nochmals kräftig nach unten.

Die asiatischen Märkte, von denen viele Montag wegen eines Feiertags geschlossen hatten, sowie die europäischen Märkte verdauten trotz dramatischer Verluste bereits am Montag in Antizipation der US-Turbulenzen diesen Absturz in vollem Ausmaß erst am Dienstag. In den Fußspuren des Nikkei in Tokio, der einen Rekordverlust von 600 Punkte (minus 4,95 Prozent) auf 11.609,72 Punkte verzeichnete, fiel der Euro Stoxx 50, Benchmark der Eurozone, um 3,4 Prozent, großteils aufgrund der Verluste von Banken und Versicherern. Der FTSE-100 in London legte 2,9 Prozent ab, während der Dax in Frankfurt minus 2,8 Prozent verzeichnete. Der Moskauer Leitindex RTS verlor rund elf Prozent. Um Kreditengpässe zu verhindern, pumpten die Zentralbanken viel Geld in die Märkte: 70 Milliarden Euro kamen von der EZB, umgerechnet 25 Milliarden Euro von der Bank of England, 16,5 Mrd. Euro von der Bank of Japan.

Die Verluste in Wien gehörten mit minus 6,36 Prozent gegen 15 Uhr zu den höchsten in Europa. Erstmals seit Juli 2005 rutschte der ATX damit unter 3000 Punkte - noch im vergangenen Herbst hatte der ATX kontinuierlich an der 5000-er Marke gekratzt.

Belastet wurde der ATX vor allem von den starken Verlusten bei OMV (minus 7,97 Prozent), Erste Group (minus 7,49 Prozent) und Raiffeisen International (minus 11,59 Prozent). In ganz Europa litten Bankaktien unter der Finanzkrise. Aktien von Ölunternehmen wurden vom weiter fallenden Rohölpreis unter Druck gesetzt.

AIG belastet

Die alarmierenden Nachrichten vom US-Versicherungskonzern AIG bescherten auch den europäischen Versicherern kräftige Verluste. So stürzten die Aktien der Schweizer Rückversicherungsgesellschaft Swiss Re fast neun Prozent ab. Allianz sackten über vier Prozent ab, der größte britische Versicherer verlor 4,6 Prozent.

Naturgemäß standen wie in Wien auch in ganz Europa Bankentitel unter großem Druck. UBS-Papiere brachen um weitere 11,3 Prozent ein, nachdem sie bereits am Vortag um 14,5 Prozent abgesackt waren. Die britische Barclays, die sich erst Sonntagnachmittag als potenzieller Käufer von Lehman zurück gezogen hatte, hat nach erneuten Gesprächen mit Lehman über den Kauf von Vermögenswerten um weitere 9,18 Prozent verloren. Am Dax-Ende rutschten Commerzbank um weitere 8,7 Prozent ab, Händler kommentierten dies mit dem extrem ungünstigen Timing der an sich teuren Übernahme von Dresdner Bank. Deutsche Bank kam mit einem minus von drei Prozent noch relativ glimpflich davon.

Aber es gab auch Gewinner am gestrigen Tag: Lufthansa konnte aufgrund des fallenden Ölpreises rund 1,5 Prozent zulegen. Und erneute Spekulationen über die Übernahme des deutschen Pharma- und Chemiekonzerns Bayer durch den US-Pharmakonzern Pfizer haben Bayer um bis zu 3,3 Prozent in die Höhe getrieben.

Etwas Entlastung fanden die europäischen Märkte im späten Handel schließlich durch den Dow Jones, der wieder ins Positive drehte und gegen 17 Uhr MEZ rund 0,7 Prozent Gewinn verzeichnete. Das dämmte auch die Verluste in Europa wieder deutlich ein. (red, AP, DER STANDARD, Printausgabe, 17.9.2008)

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    So tief gegen Süden waren die Kurse seit 9/11 nicht mehr gestürzt. Asien musste am Dienstag die wegen eines Feiertags versäumten Verluste des Wochenbeginns nachholen.

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