Auf dem harten Boden der Realität

16. September 2008, 18:47
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Börsencrash statt Palin-Power: Die Finanzkrise krempelt den US-Wahlkampf völlig um

In den vergangenen Tagen etwas von einer gewissen Sarah Palin gehört? Nicht? Das mag daran liegen, dass der US-Wahlkampf wieder auf dem harten Boden der Realität aufgeschlagen ist. Es geht wieder - und ausschließlich - um Wirtschaft, um die Geldbörsen der Amerikaner. "It's the economy, stupid!" Mit diesem oft zitierten Wahlkampfmotto hat Bill Clinton 1992 die Wahlen gewonnen. Und darum dreht es sich, das muss nach Bankenkrise und Börsencrash wohl jeder Dummkopf begreifen, nun wieder.

Sieben Wochen vor der Präsidentschaftswahl ist Barack Obama damit wieder im Vorteil. Die Wähler trauen ihm und den Demokraten mehr Wirtschaftskompetenz zu als John McCain. Denn der hat es nicht nur mit dem schweren wirtschaftspolitischen Erbe seiner Republikanischen Partei zu tun. Auch er selbst fand noch am Montagmorgen, dass die US-amerikanische Wirtschaft trotz aller Turbulenzen "grundsätzlich in einer starken Verfassung" sei.

Angesichts von Massen-Delogierungen und einer an den Börsen dahinschmelzenden Altersvorsorge der Amerikaner brauchte Obama dagegen nur zu fragen: "Über welche Wirtschaft sprechen Sie denn eigentlich?" Für die Bürger ist es evident, dass sich die US-Ökonomie "in der schwerwiegendsten Finanzkrise seit der großen Depression befindet" (Obama).

Auch wenn McCain, der die US-Bürger schon einmal als "Nation von Heulsusen" bezeichnet hat, nun die Regeln für die Wall Street überdenken will, bleibt er der strikten Deregulierungsphilosophie der Republikaner verhaftet. Staatliche Eingriffe, sagte McCain vor einigen Jahren, zerstörten "amerikanische Familien und den amerikanischen Traum". Und dieser Ansicht ist er im Grunde noch immer.

In der New York Times veröffentlichte Auszüge aus seiner Wahlspenderliste belegen zudem, dass Personen aus dem Umkreis der eben erst übernommenen Investmentbank Merrill Lynch insgesamt 300.000 Dollar für seine Kampagne überwiesen haben - die größte Spende, die McCain bisher verbuchen konnte.

Vor diesem Hintergrund muss die Aufregung an der Wall Street auch auf die sogenannte Main Street durchschlagen. Selbst vielen der staatsskeptischen republikanischen Wähler wird es nicht mehr eingehen, dass etwa die riesigen Verluste der Hypothekarfinanzierer Fanny Mae und Freddie Mac verstaatlicht werden, während ein guter Teil der Rekordgewinne der vergangenen Jahre in den Taschen einzelner Bankmanager gelandet ist. Das mögen die ansonsten verhassten Bürokraten in Washington, D. C., dann doch für ein kommendes Mal verhüten.

Insbesondere in wirtschaftlich gebeutelten Schlüsselregionen der USA - Ohio etwa oder Michigan -, die als wahlentscheidende Battleground-Staaten gelten, hat das zuletzt als Reformer- Ticket verkaufte Paar McCain/Palin mit dieser Krise an Glanz verloren. Die Gouverneurin von Alaska, jüngst noch mit Kulturkampf-Rhetorik erfolgreich, sieht heute blass aus.

Natürlich, auch Obama hat an der Wall Street Spenden gesammelt und sogar deutlich mehr davon eingenommen als sein republikanischer Widersacher. Das Geld allerdings hat er bekommen, obwohl er schon seit gut einem Jahr von einer Neuordnung der Finanzwelt spricht. Zieht er ins Weiße Haus ein und gibt es auch im Kongress eine starke demokratische Mehrheit, dann wird Wall Street wohl tatsächlich mit neuen Regel zu rechnen haben.

So gesehen hätten die Broker an der New Yorker Börse mit ihren Spenden ironischerweise auf den richtigen Mann gesetzt und gut in ihre Zukunft investiert. (Christoph Prantner, DER STANDARD, Printausgabe, 17.9.2008)

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