Hitler. Helden. Hilflosigkeit.

16. September 2008, 18:30
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Die Ausstellung "Kulturhauptstadt des Führers" beschäftigt sich schonungslos mit der NS-Zeit in Linz

Die Stadt selbst agiert im Umgang mit dem NS-Erbe hingegen recht hilflos.

Linz – An Linz fährt man vorbei. Sollte man doch am Bahnhof aussteigen, wird man von zwei mächtigen Löwen empfangen. Sie gelten als beliebter Treffpunkt, sind gar so etwas wie Identifikationsobjekte.

1949 ließ Anton Wilhelm, Architekt des damals wiederaufgebauten Bahnhofs, diese Löwen aufstellen. Jakob Adlhart hatte sie ab 1941 im Auftrag des NS-Rüstungsministers Fritz Todt geschaffen – für die Brückenköpfe der Staatsbrücke in Salzburg. Aufgrund heftiger Proteste verzichtete man nach dem Untergang des Dritten Reichs auf sie. Und ein Schild erklärt, dass die Brücke in der NS-Zeit von Zwangsarbeitern errichtet wurde. Einen Hinweis zu den Löwen in Linz hingegen sucht man vergeblich.

Wie die Stahlstadt mit der NS-Zeit umgeht: Das zeigte sich auch unlängst, im Juli. Mit einer Aktion hatten Studenten der Kunstuniversität darauf aufmerksam gemacht, dass die Bronzestatue der Aphrodite im Tempietto am Bauernberg ein persönliches Geschenk Adolf Hitlers an seine "Heimatstadt" war. Es handelt sich dabei um einen Abguss: Das Original, ein Werk des NSDAP-Mitglieds Wilhelm Wandschneider, war in der Reichskanzlei von Berlin aufgestellt.

Neue Leiche im Keller

Bürgermeister Franz Dobusch (SP), beraten von Walter Schuster, dem Direktor des Stadtarchivs, reagierte hilflos: Aus Angst, international in die Schlagzeilen zu gelangen, ließ er die Statue einfach abtransportieren. Sie lagert seither im Depot des Stadtmuseums Nordico. Mit diesem Schritt setze man, so die Argumentation, "die konsequente Aufarbeitung der NS-Vergangenheit fort". Häme und Kritik waren aber die Folge: Intellektuelle sprechen von einer neuen "Leiche im Keller".

Solche hervorzuholen hatte sich das Team der Kulturhauptstadt Linz 09 zum Ziel gesetzt. Und zwar schon im Vorfeld, um, wie es Intendant Martin Heller ausdrückt, "Druck wegzunehmen". Im Sommer etwa wurde mit Tiefenrausch "tiefer geschürft" – in Hohlräume, "wo die Wahrheit offen im Dunkeln liegt". Die Ausstellung des Offenen Kulturhauses führte in die Stollen der Stadt und in NS-Bunker; zu sehen war u. a. Peter Weibels Installation aus 1993 über die Vertreibung der Vernunft in der NS-Zeit. Und Peter Macho beschäftigte sich mit den "Leichen im Keller".

Walter Schuster steht nach wie vor zur Entscheidung des Abtransports: "Ich kann mir nicht vorstellen, die Statue unkommentiert stehen zu lassen." Das will niemand. Aber eine Tafel mit Erklärungen hätte angebracht werden können. Hitlers Aphrodite könnte auch Teil einer Intervention sein – wie in Graz: Richard Kriesche legte 1998 über ein freigelegtes NS-Fresko im Uni-Gelände eine Glasplatte, auf der die Geschichte des Kunstwerks erklärt wird. Man kann sich also an diesem nicht mehr ohne den Filter der Erkenntnis ergötzen.

Oder, da es Zeit zur Umsetzung braucht: Man hätte die Statue Birgit Kirchmayr überantworten können. Denn die Historikerin stellte für die Oberösterreichischen Landesmuseen im Schloss, das Hitler zu seinem Alterssitz umzugestalten gedachte, eine äußerst vielschichtige, von Linz 09 finanzierte Schau zusammen: Kulturhauptstadt des Führers.

Gästebuch nur für Hitler

In diese, am Dienstag eröffnet, hätte die Statue perfekt gepasst. Kirchmayr thematisiert ohnedies – mit Bezug auf die Aphrodite – das Problem des Umgangs mit dem NS-Erbe. In einer Vitrine zeigt sie u. a. einen schwarzbraunen Schreibtisch, der wohl nur deshalb aufgehoben wurde, weil Hitler bei seinem Besuch der Landesgalerie am 8. April 1938 an ihm saß. Zu sehen ist auch ein Gästebuch der Galerie, das nur eine einzige Unterschrift trägt (jene des Führers), und der Kopf einer geköpften Hitlerbüste, die in der NS-Zeit auf "auf dem dominantesten Platz des großen Kuppelraums" gestellt worden war, wie die Landesgalerie dem Künstler brieflich versicherte.

"Was ist der historische Wert eines Objekts?", fragt Kirchmayr in ihrem Erklärungstext. Dass es sich hierbei um "bedenkliche Devotionalienverehrung" handeln könnte, deutet sie an. Allein dafür, dass Kirchmayr diese Leichen aus dem Keller zerren durfte, ist der Landesgalerie Respekt zu zollen. Denn sie verfährt, wie es Martin Heller erhofft hatte: Es darf eine Kulturhauptstadt nicht kümmern, ob ihre "Geschichte strahlend ist oder dunkel", sie müsse sie herzeigen "als Teil ihrer Identität".

Kirchmayr und ihr Team verfahren wohltuend schonungslos: Sie gehen auch auf die Vertreibung und Ermordung Linzer Künstler, auf den NS-Kunstraub, auf die künstlerische Produktion im Gau Oberdonau ein (die, sieht man vom Werk Alfred Kubins ab, wenig herausragend war). Im Zentrum der Ausstellung aber stehen natürlich Hitler und seine Pläne für Linz: Zu einer von fünf "Führerstädten" im Deutschen Reich ernannt, sollte es über die Neugestaltung Vorbildcharakter haben. Noch wenige Tage vor seinem Selbstmord saß Hitler im Führerbunker versunken vor dem Modell der Stadt mit einer Unzahl von Prestigebauten.

Knappe neun Jahre (ab 1899) lebte Hitler in oder bei Linz. Schon als 15-Jähriger wusste er genau: Die alte Donaubrücke – "dieser hässliche Steg" – müsse weg. So geschah es denn auch: Neben Industriegebäuden und 12.000 Wohnungen ist die Nibelungenbrücke mit den mächtigen Brückenkopfbauten das einzige realisierte Projekt.

Bereits 1940 standen auf den beidem Brückenköpfen nächst der Altstadt zwei provisorische Skulpturen von Kriemhild und Siegfried hoch zu Ross, die Bernhard Graf von Plettenberg im Auftrag des Führers angefertigt hatte. Bei einem Besuch soll sich Albert Speer, Hitlers Architekt, über die halbnackte Kriemhild, die er "auf eine fatale Weise erotisch" empfand, lustig gemacht haben: Der balkonartige Busen sei wohl ein idealer Nistplatz für Tauben. Hitler hingegen rief: "Deutsche Kunst!" Und: "Welch bildschöner Körper! Da stand sicher die verehrte Frau des Grafen Modell. Meisterhaft die Haltung!"

Die Skulpturen wurden 1945 von den Alliierten zerstört. Kirchmayr zeigt nun die vier Gipsmodelle (geplant waren auch Statuen mit Gunter und Brunhild). Und das Künstlerkollektiv qujochö schlug vor, die Skulpturen zu realisieren. Nicht aus Granit, sondern aus Knochenleim; sie hätten sich mit der Zeit zersetzt. Realisiert werden kann das Linz-09-Projekt Gefallene Helden aber nicht – aus Urheberrechtsgründen. Für Martin Heller kein Problem: Bei manchen Projekten ist schon der Wille das Werk.

Als Ergänzung zu Kirchmayrs Schau befasst sich die Landesgalerie mit der Politischen Skulptur: Anhand der Biografien von Ernst Barlach, Ludwig Kasper, Josef Thorak und Fritz Wotruba geht man der komplexen Frage nach, wie das jeweilige Werk in den diversen politischen Systemen vor und nach 1945 rezipiert wurde. Kasper etwa, ein Oberösterreicher, erhielt von Joseph Goebbels 1941 den Gau-Kulturpreis für Plastik. Er gilt dennoch als verfemter Künstler. Und in Salzburg? Im Mirabellgarten stehen nach wie vor zwei Skulpturen des NS-Künstlers Thorak. (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 9. 2008)

Bis 16. November (Politische Skulptur) bzw. 22. März (Kulturhauptstadt des Führers)

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    Der "hässliche Steg", so Hitler, musste weg: Die Nibelungenbrücke ist 1940 noch in Bau, die Helden hoch zu Ross aber stehen schon (zumindest provisorisch).

  • Von Joseph Goebbels 1941 ausgezeichnet: die Skulpturen des Oberösterreichers Ludwig Kasper.
    foto: landesgalerie linz / grilnberger

    Von Joseph Goebbels 1941 ausgezeichnet: die Skulpturen des Oberösterreichers Ludwig Kasper.

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