Dialog gegen den ökologischen Kollaps

16. September 2008, 19:25
posten

Am Massensterben der Störe erkannten die fünf Länder um das Kaspische Meer, dass sie auch gemeinsame Interessen haben - Seit 2006 läuft ein zaghafter Austausch

Über den Verlauf der Seegrenzen wird nicht diskutiert. Das ist die Grundregel. Sonst wäre die Gesprächsbasis zwischen Russland, Iran, Kasachstan, Aserbaidschan und Turkmenistan rasch dahin. Die im Kaspischen Meer schlummernden Öl- und Gasreserven sind viele Billionen wert. Eine Verschiebung des Status quo hätte für die Anrainer gewaltige wirtschaftliche Folgen. Wie sensitiv die Lage ist, zeigt schon die ambivalente Sprachregelung "Caspian sea/ lake" . Ob das im Salzgehalt zwischen Süß- und Meerwasser liegende größte Binnengewässer der Erde noch als See oder doch schon als Meer gilt, hat völkerrechtliche Implikationen für seine Aufteilung. Insofern ist es schon ein Erfolg, dass sich Anfang Oktober Wissenschafter, Vertreter von Regierungen und NGOs zum dritten "Caspian Dialogue" unter Federführung des in Laxenburg sitzenden Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Alma-Ata treffen.

Alles begann vor fünf Jahren, als Bill Zartman auf einer Tagung in Teheran einen Vortrag über die Konflikte am Kaspischen Meer hielt: "Die fünf Länder verwendeten viel Energie darauf, einander Vorwürfe über Grenzen und Sicherheitsfragen zu machen, aber kaum auf gemeinsame Probleme, die Kooperation erfordern." Die Analyse des Forschers beeindruckte die iranische Regierung so sehr, dass sie seine IIASA-Arbeitsgruppe "Prozesse internationaler Verhandlungen" (PIN) bat, einen Austausch der kaspischen Anrainer zu initiieren und zu moderieren.

"Als Wissenschafter haben wir mehr Spielraum. Wir können leichter schwierige Themen, aber auch bestimmte Stellen in den anderen Ländern ansprechen" , erläutert PIN-Mitarbeiter Ariel Macaspac Penetrante das Vorgehen. Er vergleicht es mit der Gründung des IIASA 1972: Wie damals im Kalten Krieg ein Brückenkopf zwischen West und Ost entstand, soll die Wissenschaft auch jetzt wieder Staaten mit belasteten Beziehungen zusammenbringen.

Dass sie Probleme haben, die sich nur gemeinsam lösen lassen, haben die Länder am Kaspischen Meer am Sterben der Störe erkannt. Die Umsätze mit Kaviar waren in den Neunzigern noch mehrere Milliarden Euro jährlich wert, doch inzwischen haben Wilderer auf der Jagd nach den begehrten Fischeiern die Muttertiere massenweise abgeschlachtet. Nun wachen Biologen und Patrouillen der Anrainer darüber, dass sich Stör- und andere Fischpopulationen erholen.

Als Güterroute könnte das Kaspische Meer den Handel zwischen den Ländern fördern und die Transportkosten senken helfen. Doch das Potenzial liegt, auch mangels geeigneter Häfen, noch größtenteils brach. Die Gefahr, dass über die wenig bewachten Küsten Waffen geschmuggelt werden, beschäftigt zumindest die Regierung Kasachstans, die Sicherheits- und Terrorfragen ganz oben auf die Agenda der kommenden Konferenz hat setzen lassen.

Das kasachische Engagement wertet Macaspac Penetrante als positives Zeichen, gesteht aber ein, dass noch nicht feststeht, ob aus Turkmenistan überhaupt jemand kommen wird. Das sich abschottende Regime im Südosten ist indes nicht das einzige Sorgenkind. Obwohl der zweite "Caspian Dialogue" voriges Jahr in Baku stattfand, das besonders stark unter den ökologischen Zerstörungen des Kaspischen Meers leidet, zeigt die aserbaidschanische Regierung bislang wenig Motivation, die Verschmutzung einzudämmen.

Experten hinzuziehen

Es sind aber nicht so sehr konkrete Verpflichtungen, die Bill Zartman mit dem Projekt anpeilt, als dass die beteiligten Länder es eines Tages selbst übernehmen, dass zivilgesellschaftliche Strukturen entstehen und der Austausch andere Konflikte um das Kaspische Meer verhindert. Ein unschätzbarer Vorteil des IIASA besteht darin, dass die Verhandlungsforscher Experten aus anderen Abteilungen wie Fischerei, Forstwirtschaft, Energie oder Landnutzung hinzuziehen können.

Einer von ihnen ist David Wiberg: "Obwohl an der Verschmutzung jedes Land seinen Anteil hat, zeigen alle mit dem Finger auf Russland als Schuldigen." Der einfache Grund ist laut Wiberg, dass neunzig Prozent des zufließenden Wassers aus der Wolga und damit aus Russland kommen. Schutzmaßnahmen an deren Oberlauf beginnen allerdings bereits zu wirken, während viele kleinere Zuflüsse aus den südlichen Ländern von ungeklärten Abwässern und Müll verseucht sind.

Russland ist das einzige beteiligte Land, das auch IIASA-Mitglied ist, beschränkt sich in den Gesprächen aber auf die wissenschaftliche Seite. Das spiegelt die geringe Bedeutung wider, die dem Kaspischen Meer in Russland beigemessen wird. Das größte Interesse am "Caspian Dialog" zeigt von Anfang an der Iran. Seine Küste ist nicht nur die am stärksten bewohnte, sondern es gibt dort auch eine Reihe von Ferienorten, die nur gewinnen können, wenn kein Müll mehr angeschwemmt wird und das Wasser wieder sauber ist. (Stefan Löffler/DER STANDARD, Printausgabe, 17.9.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Vögel am Kaspischen Meer 50 Kilometer nördlich von Baku, wo der zweite "Caspian Dialogue" stattgefunden hat.

  • Artikelbild
Share if you care.