Nachgefragt: Peter Wittmann (SPÖ)

16. September 2008, 17:54
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DER STANDARD: Befürworten sie eine Zusammenlegung der drei Dachverbände ASKÖ, SPORTUNION, ASVÖ?
Peter Wittmann: Nein, weil NGO´s im gesellschaftlichen Bereich eine immer wichtigere Rolle einnehmen - auch im Sport. Deshalb sollten alle Verantwortlichen dafür Sorge tragen, dass die bestehende Vielfalt erhalten bleibt.

Befürworten sie eine Konzentration der Fördermittel auf medaillenträchtige olympische Disziplinen?
Bei Spitzensportarten gibt es so und so eine Konzentration der Fördermittel. Anstatt eine ausschließlichen Förderung dieser zu forcieren, sollte dafür gesorgt werden, eine gute Breite zu erreichen, damit andere Sportarten nicht von Vorhinein keine Chance gegeben wird.

Ist es sinnvoll, die Sporterziehung auf Sieg und Leistungsoptimierung zuzuschneidern?
Nein! Sporterziehung soll zur Verbreiterung des Bewegungsangebots führen und möglichst vielen Menschen zum aktiven Sport bringen.

Befürworten sie eine Neuverteilung der Fördermittel, da der Fußball derzeit zu viel aus den Lotto-Mitteln erhält?
Eine ausgewogene Verteilung der Fördermittel in allen Bereichen ist selbstverständlich zu befürworten - auch wenn in einzelnen Verbänden dieser Einsatz effizienter gestaltete werden könnte.

Befürworten sie ein Berufsbild Sportler und eine Lehrlingsausbildung Sport, ähnlich der in England?
Ja - sollte im Bereich des Sports eines unserer vordringlichsten Ziele in der nächsten Legislaturperiode sein.

Befürworten sie die tägliche Turnstunde? Oder zumindest die Vermehrung der schulischen Bewegungseinheiten, im berufsbildenden Zweig findet ja bis heute null Bewegungsunterricht statt?
Ausdrücklich JA!! Weil dies der Schlüssel zu mehr Bewegung der Gesamtbevölkerung ist.
Körperliche Inaktivität mit allen Folgeerscheinungen stellt eines unserer größten gesellschaftlichen und gesundheitlichen Probleme dar. Dies muss eines der Hauptanliegen aller im Sport tätigen Funktionäre sein, sich dafür einzusetzen.

Befürworten sie eine stärkere Kontrolle des (autonomen) Sports durch die Politik?
Nein. Man hat sich nach dem 2. Weltkrieg für das Modell des autonomen und nicht-staatlichen Sports entschieden - im Gegensatz zum staatlich kontrollierten Sport. Ich persönlich halte diese Trennung für unerlässlich. In vielen anderen Bereichen versucht man die staatliche Kontrolle zurückzudrängen, nur im Sport wird von einigen die Veränderung in Richtung Staatssport gewünscht.

Ist die Anzahl der Medaillen und allgemein das Abschneiden bei Olympia ein aussagekräftiger Wert für die Leistungsfähigkeit des österreichischen Sports?
Die ausschließliche Fokussierung auf Medaillen halte ich für nicht richtig. Eine Etablierung unter den TOP 10 der Welt beinhaltet auch immer Chancen auf Medaillen, nur manchmal fehlt das letzte Quäntchen Glück. So ist das Abschneiden dieser Olympischen Spiele medial nur an den Medaillen gemessen worden. Durch die Fokussierung der Berichterstattung auf die TOP 3 konnte leider die wirkliche Leistungsfähigkeit der österreichischen Olympioniken nicht wiedergegeben werden.

In Österreich fehlen, vor allem in Wien, Sportstätten, überwiegend Hallen. Was würden sie dagegen unternehmen?
Mehr Hallen bauen.

Warum wird der Sport nicht stärker propagiert - als Prävention, als Sparmaßnahme in der Krankenversicherung?
Sport als Prävention und dessen Verbreiterung ist eine unserer dringlichsten Aufgaben - und zwar auch den allgemeinen politischen Fokus auf dieses Thema zu legen.
In diesem Zusammenhang würde ich mir wünschen, dass auch in den Medien nicht nur Ergebnisberichterstattung, sondern auch sportpolitische Berichterstattung stattfindet. Nur so ist es möglich, dieses Thema in die breite Öffentlichkeit zu transportieren und am tagespolitischen Diskurs teilzunehmen.

Befürworten sie die Kriminalisierung und strafrechtliche Verfolgung von Doping-Sündern und deren Helfern?
So wie auch im neuen, weltweit beispielgebenden Anti-Dopinggesetz auch niedergeschrieben ist, wollen wir nicht die Sportler kriminalisieren. Jedoch sollen jene, die es ermöglichen und das große Geschäft im Hintergrund machen, hart dafür bestraft werden - bis hin zum Berufsverbot (z.B.: für Ärzte, Trainer, etc.).

Sollen im ORF mehr Randsportarten berücksichtigt werden? Und weniger Fußball und Ski, oder mehr davon? Ist im ORF zu viel/zuwenig Sport im Programm?
Die Berichterstattung des ORF - gerade bei sportlichen Großereignissen wie bei der vergangenen Fußball Europameisterschaft oder den Olympischen Spielen ist beispielhaft! Auch im Bereich der Randsportarten wurde in den vergangenen Jahren sehr viel aufgeholt und diese mit dem eigenen Kanal Sport Plus, besser zu erfassen. Ich finde das für einen sehr wichtigen Schritt, im Sinne aller „Randsportarten" wäre eine Verbreiterung des Angebots natürlich sehr wünschenswert.

Wie bewerten sie die kommerzielle Verflechtung von Medien (Zeitungen, ORF) und Sportverbänden und -vereinen.
Wie bewerten sie die kommerzielle Verflechtung von Glücksspielmonopol und Sport, siehe Stickler, tipp3-Liga?

Es ist unmöglich mehr Geld für den Sport zu verlangen und auf der anderen Seite einen Teil des Sports komplett auszuschließen.

Sollte Sportsponsoring steuerbefreit sein?
Ich könnte mir ein Modell der steuerlichen Absetzbarkeit vorstellen.

Umweltschonender Tourismus - wie stehen sie zum Ausbau der Gletscher, zum Mountainbiking, zum Tourenskilauf?
Dem Ausbau der Gletscher stehe ich eher skeptisch gegenüber. Im Gegensatz dazu halte ich die Öffnung der Wälder für Mountainbiking unerlässlich. Daraus hat sich nämlich bereits ein aktiver neuer Sporttourismuszweig entwickelt - diesen zu nutzen sollte Gebot der Stunde sein. Natürlich auch wieder mit dem Ziel dadurch mehr Leute zum aktiven Sport zu bringen.

Sollte das Sportwettengeschäft zur Finanzierung des Sports herangezogen werden?
Grundsätzlich Ja, in der Umsetzung sehe ich allerdings große legistische Probleme, weil über das Internet eine Vielzahl an internationalen Auswegmöglichkeiten besteht.

Wie kann man die Integration durch Sport (Park-Käfige, Vereine, Integrationsfiguren wie Jukic) fördern?
Mittlerweile haben (fast) alle Bevölkerungsschichten und Entscheidungsträger erkannt, dass der Sport eine der größten und wichtigsten Integrationsplattformen ist. Jede Art der Integration - vom Bundesliga Verein bis hin zu den vielen kleinen lokalen Sportvereinen, sollte umgesetzt und dadurch auch gefördert werden. Fördern kann man diesen Prozess dadurch, indem wir so viele Menschen wie möglich zum regelmäßigen und aktiven Sport bringt. Durch alle Alters- Berufs- und Herkunftsschichten. Und mit WIR meine ich unter anderem uns PolitkerInnen, die Funktionärinnen und Funktionäre, jeden einzelnen Arbeitgeber (Stichwort innerbetrieblicher Sport) - aber auch die Medien.

Wie stehen sie zu Beschränkungen für die Werbung, die sich beispielsweise bei Coca Cola über Sportler direkt an Kinder richtet?
So wie bereits gesagt - man kann nicht auf allen Ebenen mehr Geld für den Sport fordern, auf der anderen Seite aber gezielt - oft Hauptsponsoren - davor ausgrenzen. (Johann Skocek, DER STANDARD, Printausgabe, Mittwoch, 17. September 2008)

 

 

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