Gegen Gift sind auch Adleraugen machtlos

16. September 2008, 19:15
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Österreichs Seeadler ver­lieren oft ihre Partner durch Pestizid-Vergiftung - Die Folge: die ohnehin schmale Population wächst noch langsamer

Kürzlich machten zwei Steinadler in Vorarlberg von sich reden, weil sie sich so ineinander verkrallt hatten, dass sie abstürzten und das Dach eines Wohnhauses durchschlugen. So bemerkenswert dieser Unfall war - tödliche Revierkämpfe sind ein normales Phänomen in sehr dichten Populationen.

In solche Verlegenheit dürfte der Seeadler - mit bis zu 2,5 Metern Flügelspannweite einer der größten heimischen Greifvögel - nicht so bald kommen, denn seine Bestandszahlen bleiben seit Jahren weit hinter den Erwartungen. Wie alle anderen Greifvögel blickt der Seeadler in Europa auf eine bewegte Geschichte zurück. Ende des 19. Jahrhunderts nahe an der Ausrottung, erholte er sich mit dem Zweiten Weltkrieg, nur um in der Zeit danach mit noch tiefgreifenderen Veränderungen konfrontiert zu werden, wie etwa der Verbauung der Donau. Dazu kam Mitte der 1950er-Jahre ein echter Killer: DDT. In großen Greifvögeln als Endgliedern der Nahrungskette sammelte es sich besonders massiv an und bewirkte, dass deren Eischalen so dünn wurden, dass sie während der Brut zerbrachen. Anstrengungen zum Schutz aller Greifvögel ab den 1970er-Jahren führten dazu, dass sich die meisten Arten langsam wieder erholten.

Zu wenig Fortpflanzung

In Österreich waren Seeadler in den vergangenen 50 Jahren nur als Wintergäste im Osten des Landes zu sehen. Im Jahr 2000 hat jedoch ein groß angelegtes Projekt unter der Leitung des WWF und mit Finanzierung durch das Lebensministerium und die Länder Niederösterreich und Burgenland begonnen, das zum Ziel hat, den Seeadler in Zusammenarbeit mit verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen und der Jägerschaft wieder zu einem regelmäßigen Brutvogel zu machen. Tatsächlich gibt es seit 2001 wieder ausfliegende Jungadler, allerdings bisher nur vier bis sieben Tiere pro Jahr.

"Eigentlich müsste der Bestand mittlerweile viel stärker ansteigen" , weiß Remo Probst, der wissenschaftliche Leiter des Projektes. In Deutschland oder Tschechien etwa, wo ähnliche Anstrengungen zum Schutz des großen Adlers unternommen wurden, erholten sich die Bestände innerhalb von wenigen Jahren merklich. Während sich jedoch die Zahl der Wintergäste seit Projektbeginn auf über 100 Individuen stark erhöht hat, stagnieren die Vögel, die sich in Österreich auch fortpflanzen, bei rund sieben Brutpaaren.

Der auffälligste Unterschied zwischen österreichischen Seeadlern und jenen der Nachbarländer ist, dass sie viel häufiger mit neuen Partnern brüten. Gewöhnlich absolvieren die monogamen Vögel 14 bis 16 Brutsaisonen gemeinsam. Stattdessen haben die österreichischen Tiere oft schon nach drei oder fünf Jahren ein neues Weibchen oder Männchen. Da die Adler hierzulande nicht promiskuitiver sein dürften als anderswo, muss davon ausgegangen werden, dass der alte Partner tot ist. Da sie keine natürlichen Feinde haben, kommt nur der Mensch als Ursache infrage. Im Zuge des Projektes werden alle Kadaver, die gefunden werden, veterinärmedizinisch untersucht.

Die Haupttodesursache ist Gift, in erster Linie das Pestizid Carbofuran, mit dem Köder behandelt werden, die von Einzelpersonen illegal zur Bekämpfung von Füchsen, Mardern, Krähen, Katzen oder Hunden ausgelegt werden. Vor allem im Winter suchen Seeadler gezielt nach Aas und nehmen dabei auch die Köder an.

Munition im Magen

Eine weitere Gefahr geht von bleihaltiger Munition aus. Das für die Jagd auf Wasservögel verwendete Schrot enthält Blei, und Enten, die angeschossen wurden, sind eine leichte Beute für den Seeadler. Selbst geringe Bleimengen genügen, um die Tiere desorientiert oder blind zu machen und sie in weiterer Folge zu töten. Dasselbe gilt für Bleigeschosse, wie sie für die Jagd auf Rehe oder Wildschweine verwendet werden. Innereien des erlegten Wildes, die am Ort verbleiben, enthalten manchmal Reste der Munition, die dem Seeadler den Garaus machen.

Doch nicht nur der Verlust brutwilliger Altvögel an sich, auch die unterdurchschnittliche Dauer der Seeadler-Beziehungen dürfte dem Bruterfolg nicht zuträglich sein: Aus Studien an anderen monogamen Vogelarten ist bekannt, dass langjährige Partner mehr Junge aufziehen als solche, die einander erst kurz kennen. Bisher wurde der Umstand, dass viele Seeadler schon nach wenigen Jahren mit einem neuen Partner brüten, nur mit dem freien Auge anhand individueller Farbvariationen der Vögel festgestellt. In Zukunft hoffen Probst und seine Mitarbeiter, ihre Beobachtungen mit DNA-Untersuchungen, etwa von verlorenen Federn, ergänzen zu können. In jedem Fall wird es noch eine Weile dauern, bis sich Hausbesitzer den Kopf über vom Himmel fallende Seeadler zerbrechen müssen. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 17.9.2008)

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    Mit bis zu 2,5 Metern Flügelspannweite gehört der Seeadler zu den größten heimischen Vögeln. Seine Adleraugen machen ihn nicht gefeit gegen eingeschränkte Lebensräume und Gift in der Nahrung, die den Greifvogel seit Jahrzehnten bedrohen. Erst seit wenigen Jahren siedeln hierzulande wieder wenige Brutpaare.

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