Medizin-Uni Graz kann sich moderate Ausweitung vorstellen - Ärztekammer warnt vor "weitgehend freiem Zugang" - Zusätzliche Universitäten müssten errichtet werden
Wien - Auf wenig Gegenliebe stoßen jüngste Vorschläge von SPÖ,
FPÖ und Grünen, den Zugang zum Medizinstudium zwar nicht völlig
freizugeben, dafür aber die Anfängerplätze drastisch aufzustocken - von
derzeit 1.500 auf 2.400 bis zum Wintersemester 2011. Für den Vizerektor
der Medizin-Uni Wien (MUW), Rudolf Mallinger, wären für die Umsetzung
der Vorschläge "zwei bis drei neue Unis" nötig. Und auch das wäre
"nicht in drei Jahren" zu bewältigen, so Mallinger gegenüber der APA.
Der Rektor der Medizinischen Universität Graz, Josef Smolle, kann sich
lediglich "eine moderate Erhöhung" vorstellen.
"Rückfall in alte Zeiten"
Ein freier Zugang zum Medizinstudium kommt für Smolle keinesfalls in
Frage. Das wäre ein Rückfall in die alten Zeiten, und die seien alles
andere als "gute alte Zeiten" gewesen, mit "wenig Praxis bei der
Ausbildung, überfüllten Hörsälen und 60 Prozent Drop-out-Quote", so
Smolle. Eine moderate Anhebung der Studienplätze seien für seine
Universität denkbar, allerdings müssten die Mehrkosten voll und ganz
übernommen werden. Auch dürften derlei Änderungen nicht
"handstreichartig" sondern in Absprache mit allen Beteiligten
beschlossen werden. Um die Qualität vor allem der praktischen
Ausbildung zu halten, müsste etwa erwogen werden, mehr Krankenhäuser zu
involvieren.
Zusätzliche Universitäten gefordert
Für Mallinger ist der Plafond für Studienplätze an der MUW erreicht,
man stoße bereits jetzt an die oberste Grenze der Kapazitäten. Mit 740
Plätzen für Studienanfänger sei man auch im internationalen Vergleich
eine sehr große Universität. Um wirklich 2.400 Studienplätze zur
Verfügung stellen zu können, müssten zusätzliche Universitäten
eingerichtet werden, ist Mallinger überzeugt. Der Vizerektor betonte,
dass man auch bei 2.400 Anfängerplätzen nicht von einem freien Zugang
sprechen könnte. So habe es für das letzte Aufnahmeverfahren alleine in
Wien 6.000 Bewerber gegeben.
"Keine Rede von Ansturm"
Walter Dorner, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), warnte
in einer Aussendung vor einem "weitgehend freien Zugang für das
Medizinstudium". Das Vorhaben konterkariere "jahrelange Bemühungen zur
Modernisierung und Qualitätssteigerung der Medizinerausbildung im
Kern", sagte Dorner. Das neue Medizin-Curriculum, das Übungen in
praxisnahen Kleingruppen und am Krankenbett vorsehe, werde durch eine
Massenöffnung ad absurdum geführt. Ganz allgemein sprach Dorner
angesichts der Vorschläge von einem "Wahlkampf der
Oberflächlichkeiten".
SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser konterte, dass keine
"Massenöffnung" der Medizin-Unis gefordert würde. Es gehe lediglich um
jährlich rund 350 neue Medizinstudenten, aufgeteilt auf drei Standorte.
Von einem Ansturm sei keine Rede.
"Aufstockung der Studienplätze nicht realisierbar"
Für die Wirtschaftskammer (WKÖ) wäre die Abschaffung der
Studienbeiträge eine "sozialpolitische Mogelpackung". Die Beiträge
hätten sich bewährt, so gebe es heute mehr Studierende pro
Geburtenjahrgang, es treten mehr zu Prüfungen an als früher. Nicht
zuletzt seien die Studienbeiträge durch Stipendien an Bedürftige ein
Beispiel für soziale Treffsicherheit staatlicher Förderleistungen. Die
Aufstockung der Studienplätze in Medizin hält Michael Landertshammer,
Leiter der Abteilung Bildungspolitik in der WKÖ, für nicht
realisierbar, da die nötige räumliche und personelle Infrastruktur
nicht vorhanden sei. (APA)