"Ausschließen kann ich in dem Umfeld gar nichts"

16. September 2008, 12:27
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Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Group Bank AG, stellte sich im derStandard.at-Chat den Fragen der UserInnen - Das Protokoll zur Nachlese

Dass Österreich im Gefolge der US-Bankenkrise von "Horrorszenarien" heimgesucht werde, das erwartet der Chefanalyst der Erste Group Bank AG, Friedrich Mostböck, nicht. "Zum Glück gibt es die Kreditvergabe wie sie in Österreich praktiziert wird. Ich denke doch, dass uns das wesentlich von den USA unterscheidet", so Mostböck am Dienstag im derStandard.at-Chat.

Zweifelsohne werde es durch die jüngsten Korrekturen, die er jedenfalls für "ungerechtfertigt" hält, auch zu realen Konjunkturabschwüngen kommen, hält Mostböck fest. Das Wachstum in Österreich sei aber durch die hohe Verflechtung mit CEE höher als in Euroland, dies lasse hoffen, so der Analyst.

Gefragt, ob es durch die Pleite von Lehman Brothers zu Anschlusskonkursen anderer Unternehmen im Nichtbanken-Sektor kommen könne, antwortete Mostböck: "Das ist die Schlüsselfrage, die sich alle stellen." Er gehe "aus heutiger Sicht davon aus, dass sich die Sache halbwegs stabilisiert. Aber ausschließen kann ich in dem Umfeld gar nichts."

Anlegern empfiehlt er aktuell: "Aktien untergewichten, Anleihen neutral, Cash übergewichten - diese Gewichtungen empfehlen wir bereits seit dem 4. Quartal 2007."

Und die Frage eines Users, wie lange es denn seiner Meinung nach bis zum nächsten All-time-high an der Wiener Börse dauern werde, beantwortete der Erste-Chefanalyst in aller gebotenen Kürze: "Länger." (red)

ModeratorIn: Liebe UserInnen, herzlich willkommen beim Chat mit Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Group Bank AG.

Friedrich Mostböck: Hallo, willkommen, ich freue mich auf interessante Fragen.

Mr. Hyde sen.: Wie lange kann sich in unserer Welt ein Wirtschaftssystem noch halten, das auf Wachstum ausgerichtet hat?

Friedrich Mostböck: Eine Welt ohne Wirtschaftswachstum wird es nicht geben. Die Menschheit muss sich in Summe weiterentwickeln und das kann nur mit Wachstum passieren, auch Technologieinnovation bringt Wachstum....

Ruskij: Ich bin der Meinung, dass der Handel mit Optionen das Grundübel unserer Zeit ist. Man handelt mit Werten, die nicht existieren und verdient damit mehr als mit realen Werten (z.B. Aktien). Können Sie sich vorstellen, dass Optionsgeschäfte in Zukunft

Friedrich Mostböck: Optionen und Futures bzw. die Derivativinstrumente kann man nicht in einen Topf werfen. Sie sind prinzipiell gut geeignet auch in unterschiedlichen Marktphasen gegen zu steuern. Dass es eine Flut von offensichtlich schwer zu durchschau- und handelbaren strukturierten Produkten gegeben hat ist nun offensichtlich geworden. Ich bin nicht dafür jetzt generell vieles zu verbieten, aber es wird wohl auf eine Reglementierung hinauslaufen.

UserInnenfrage per Mail: Sehr geehrter Herr Mostböck, zur Insolvenz amerikanischer und europäischer Banken: Diese Banken haben in den letzten Jahren Riesengewinne verbucht. Warum können diese Gewinne nicht zur Abdeckung der jetzt anfallenden Verluste herangezogen werden? Wu

Friedrich Mostböck: Von diesen Gewinnen haben ja auch Shareholder profitiert. Diese Gewinne wurden natürlich auch in Form von Dividenden ausgeschüttet.

Herr Mann: Lieber Herr Mostböck, hätte mit einem Goldstandard diese Krise vermieden werden können? Und ist eine solche Krise in Europa auch denkbar (wenn auch nicht heute, aber morgen), wenn nein, warum nicht?

Friedrich Mostböck: Ein verpflichtender Goldstandard hätte diese Krise aus meiner Sicht nicht verhindert. Die Finanzkrise hat bereits leider zu einem beträchtlichen Teil auch europäische Global Players erfasst (z.B. UBS,ect.). Es bleibt zu hoffen, dass es Europa aufgrund einer anderen Struktur von derartigen Geschäften und einem auf nicht nur rein auf Wachstum orientierten Wirtschaftsgeschehen weniger erwischen wird. Gerade in unserer Region (CEE) sollten wir so gut wie gar nicht betroffen sein.

Dreistein: Trägt nicht auch Basel II und das Erfordernis zu immer riesigeren Kreditinstituten dazu bei, dass das Ganze unüberschaubar wird? Die Amerikaner haben uns Basel II aufs Auge gedrückt, ohne sich selbst daran zu halten. Was nützt uns Basel II - außer d

Friedrich Mostböck: Es ist, wie wir jetzt feststellen müssen, nicht alles "Gold was glänzt" was aus den USA kommt. Basel II, US GAAP, Sarbanes-Oxley-Act,ect. Europa hat auch den Vorteil, dass bei uns vieles nicht auf die reine ausschließliche Gewinnmaximierung ausgelegt ist. Vielleicht werden wir gerade deshalb auch die aktuelle Krise besser bewältigen können.

Minimonk: Die Analysten Ihrer Bank haben erst vor einer Woche prophezeit, dass der ATX bis Jahresende aufholen werde und deutlich über dem damaligen Tageskurs liegen werde. Glauben Sie das nun auch noch?

Friedrich Mostböck: Daran war auch ich beteiligt. Das gebe ich ganz offen zu. Wenn es mit rechten Dingen zugeht (Fundamentaldaten) sollte das auch so kommen. Nur in einer solchen a.o. Situation interessiert niemanden das wirtschaftliche Fundament das dahinter steckt. Aufgrund der durch das psychologische Sentiment bestimmten Marktphase werden wir uns wohl revidieren müssen.

re-publica #2: Wir sich die aktuelle Krise nun auch auf die fundamentale Bewertung österreichischer Unternehmen auswirken?

Friedrich Mostböck: Zum Teil, ja. Ich denke aber doch, dass aufgrund der starken CEE-Ausrichtung das Fundament der Wiener Börse ein solides ist.

Grauenhafte Nullnummer: Inwiefern müssen die AIG-Probleme die österreichischen Versicherungskunden interessieren? Die Branche ist ja vermutlich genauso international verflochten wie Banken?

Friedrich Mostböck: Die Lehman-Pleite hatte die österreichische börsenotierte Versicherungsindustrie (VIG, Uniqa) gar nicht getroffen. AIG ist die größte Versicherung der Welt. Ich denke aber auch hier, dass CEE für beide österreichische Versicherungen der Hauptantriebsmotor ist.

Bittersweet Me: Würde eine stärkere Reglementierung der Märkte solche Krisen verhindern können? Fakt ist doch, dass es mittlerweile Konstellationen an "Papieren" gibt, die selbst Experten oftmals nicht mehr verstehen?

Friedrich Mostböck: Ganz offen gesagt, wird hier wohl ein automatischer Reglementierungsprozess einsetzen...

Huber Franz #1: Wurden Sie selbst auch davon überrascht, dass die Bank of America statt Lehman Brothers nun Merrill Lynch übernommen hat?

Friedrich Mostböck: Ja. Man wird sich dabei schon was gedacht haben...

re-publica #2: Sind die aktuellen Börsenabschwünge in Österreich ihrer Meinung nach übertrieben oder wird es auch zu realen Abschwüngen der Konjunktur kommen?

Friedrich Mostböck: Die Korrekturen in der Dimension sind ungerechtfertigt. Zweifelsohne wird es auch zu realen Abschwüngen kommen, das hat ja auch gestern schon die OeNB festgestellt. Wir können von Glück sagen, dass das Wachstum in Österreich durch CEE höher ist als im Euroland. Das durchschnittliche Wachstum in Zentral- und Osteuropa für sich alleine genommen ohnehin deutlich höher.

UserInnenfrage per Mail: Viele Experten sehen einen Grund in der jetzigen Krise, dass die Banken ihre Risiken nicht richtig einschätzen konnten. Wäre das nicht vor allem die Aufgabe der Analysten gewesen?

Friedrich Mostböck: Zum Teil vielleicht ja. Aber in erster Linie von internationalen Rating-Agenturen.

Wolfgang Horniczek: Lieber Herr Mostböck, macht es überhaupt Sinn, dass Analysten Kursziele stecken? Wäre es nicht ehrlicher, nur die wirtschaftliche Situation und Perspektive eines Unternehmens zu beurteilen?

Friedrich Mostböck: Kursziele machen Sinn, weil sie auf einer Projektion von Finanzdaten beruhen. Darüber hinaus wird ohnehin eine sog. Soft fact-Analyse zusätzlich eingepreist (Prämien oder Discounts).

Grillparzer: Lieber Herr Mostböck, nach dem "schwarzen Freitag" anno 1929, nach dem Platzen der New-Economy-Blase und nach 9/11 haben sich die Börsen relativ schnell wieder gefangen. Der Knall wurde nachher als "reinigendes Gewitter" bezeichnet. Glauben Sie, das

Friedrich Mostböck: Die Börsencrashes der Vergangenheit waren einmal mein Diplomarbeitsthema. Nur hat es damals im Vergleich (auch 1987) keinen so hohen Anteil an Derivativinstrumente gegeben. Ein so ein einzelner Blitz mit 15-20% Abschlag ist selten geworden. Eine Krise oder ein Crash erfolgt jetzt über einen mittel- bis längerfristigen Zeitraum scheibchenweise. Fragen Sie mich nicht was besser ist...

re-publica #2: Wie lange wird es Ihrer Meinung bis zum nächsten All-time-high an der Wiener Börse dauern?

Friedrich Mostböck: Länger.

Enduser: der amerikanische staat bzw. die fed produziert massenhaft geld und gibt dieses schon gegen junk papiere aus - warum ist das vertrauen in die us wirtschaft bzw. den dollar noch so groß? kann es nicht sein das china indien und co beginnen ihre bonds

Friedrich Mostböck: Davon gehe ich nicht aus.

Andi D. #1: Wie kann es sein, dass die Experten von internationalen Rating Agenturen ein Versicherungsunternehmen bis gestern auf einem sehr guten Rating haben, und eben dieses Unternehmen heute am Rande des Konkurses steht?

Friedrich Mostböck: Eine extrem schwierige Frage. Auch hier wird man wohl nur zum großen Teil auf öffentlich zugängliche Information bauen.

xibk: Erwarten Sie durch das Ende von Lehman Brothers Anschlußkonkurse anderer Unternehmen im Nichtbanken-Sektor?

Friedrich Mostböck: Das ist die Schlüsselfrage, die sich alle stellen. Ich gehe aus heutiger Sicht davon aus, dass sich die Sache halbwegs stabilisiert. Aber ausschließen kann ich in dem Umfeld gar nichts.

/dev/urandom: Wird sich die amerikanische Immobilienkrise und deren jetzige Folgen auch auf österreichische Häuslbauer auswirken, etwa durch strengere Kreditvergabe oder höhere Zinssätze? Droht hier ein übervorsichtiges Agieren der Banken bei Kreditvergaben?

Friedrich Mostböck: Zum Glück gibt es die Kreditvergabe wie sie in Österreich praktiziert wird. Ich denke doch, dass uns das wesentlich von den USA unterscheidet. Von Horrorszenarien in dem Zusammenhang gehe ich daher in Österreich nicht aus.

Ravenson: Was haben Sie für eine Prognose in Hinsicht auf den Finanzmarkt für das nächste Jahr?

Friedrich Mostböck: Unter der Prämisse, dass sich die Finanzkrise bis Ende 2008 stabilisieren lässt, kann es bald wieder zu einem Rebound kommen. Hiezu ist abzuwarten, ob sich die Krise natürlich tatsächlich nachhaltig abschütteln lässt. Wenn das der Fall ist, haben die Finanzmärkte weltweit jedenfalls vieles an negativen Dingen eingepreist.

Edgar Müller: Wie wird sich Ihrer Meinung nach der EUR/USD-Kurs in den nächsten Wochen bzw. in den nächsten Monaten verhalten? Bitte begründen Sie Ihre Prognose.

Friedrich Mostböck: Dez 08: 1,45, März 09: 1,45 und Juni 09: 1,40. Wirtschaftsentwicklung in beiden Räumen schwach. Risiken für USA höher (Immobilien, Finanzmarkt). Wirtschaftlicher Abschwung in Europa noch im Gange, während in den USA Stabilisierung auf niedrigem Niveau herrscht.

Cr S: Die EU Kommission hat eine Rezession für UK, Spanien und Deutschland vorausgesagt. Wieviel davon ist auf Investitionen in den USA zurückzuführen und wieviel ist hausgemacht?

Friedrich Mostböck: Das weiß ich aktuell nicht im Detail. In Spanien ist sie hausgemacht (Immobilien).

Wheezer: Warum schlagen sich die Probleme aus Amerika so auf Europa durch? Hat das einen realen hintergrund oder ist das eher ein psychologischer Vorgang?

Friedrich Mostböck: Das ist aufgrund der globalen Vernetzung der Fall. In einem Fall wie diesen regiert kurzfristig Psychologie und Panik.

Dreistein: Sie haben soeben die CEE Ausrichtung auch Ihres Institutes angesprochen. Wie sicher können Sie sich sein, dass da nicht auch etliche Leichen im Keller verborgen sind, zumal es sich bei den aufgekauften Instituten um Banken handelt, die vor kaum 15 J

Friedrich Mostböck: Fannie Mae und Freddie Mac kehren nun auch zur Planwirtschaft zurück :-))))... Spaß beiseite: Das Potential in CEE ist einfach auf Jahrzehnte hinweg gesehen riesengroß. Stichwort: Infrastruktur, Realeinkommen, Produktivität, Vorsorgebedarf, Konsum,... Und wenn das gut gemanagt ist kann man damit auch reale Werte schaffen!!!

Mork vom Ork: Wie wirkt sich die derzeitige Krise im Anleihensektor aus? Glauben Sie, dass man sich nun mit österreichischen Bankanleihen/Wandelanleihen besonders kostengünstig eindecken kann? Oder denken sie doch, dass es da noch risiken gibt?

Friedrich Mostböck: Von einer Asset Allocation her denken wir aktuell: Aktien untergewichten, Anleihen neutral, Cash übergewichten. Diese Gewichtungen empfehlen wir bereits seit dem 4. Quartal 2007.

gosmo: Glauben Sie dass Investment Banking Mitarbeiter österreichischer Banken (wie etwa Bank Austria, Erste Group oder RCB) aufgrund der zunehmend unsicheren Lage abgebaut werden?

Friedrich Mostböck: Das müssen Sie die einzelnen Institute selber fragen. Meine persönliche Meinung: Ich hoffe doch, dass die Erste Group ein Fels in der Brandung ist und bleibt.

Corello: Welche Folgen für USA und global hätte ein Konkurs der AIG als Rückversicherer vieler Banken und Versicherer?

Friedrich Mostböck: Das ist die 12er Frage. Ich hoffe, dass die AIG-Group erhalten bleibt.

excel rose: Halten Sie eine europaweite Finanztransaktionssteuer für machbar bzw. sinnvoll?

Friedrich Mostböck: Machbar schon, sinnvoll weniger....

madathara: Können sie momentan noch ruhig schlafen, lieber Herr Mostböck?

Friedrich Mostböck: Ja.

Huber Franz #1: Was glauben Sie, wer für die US-Finanzmärkte der bessere künftige Präsident wäre: Obama oder McCain?

Friedrich Mostböck: Politisch möchte ich nichts vorwegnehmen. Da bin ich auch der falsche Ansprechpartner.

ModeratorIn: Liebe Userinnen und User, die Zeit ist um, leider konnten wir nicht alle Fragen beantworten. Wir verabschieden uns und danken Herrn Mostböck für seine Zeit.

Friedrich Mostböck: Vielen Dank für die zahlreichen interessanten Fragen. Ich hoffe, dass wir auch diese "völlig neue Art einer Krise" positiv meistern. Beste Grüße F. Mostböck.

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