Buchtipp: Archäologie des Unbekannten

15. September 2008, 20:13
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Bibliophile Spurensuche nach verborgenen historischen Örtlichkeiten Budapests

"Alle Ausländer, die Budapest einen Besuch abstatten, sind voll des Lobes über diese Stadt, sogar jene, welche imstande waren, die ungarische Hauptstadt mit den schönsten und berühmtesten Städten fremder Länder zu vergleichen." Mit diesem Zitat von Lajos Kossuth aus dem Jahre 1883 startet der Brite Duncan J. D. Smith seine Reise an unbekannte, geheime und sonderbare Örtlichkeiten Budapests.

Der in Wien lebende Autor, Photograf und passionierte Spaziergänger beschreibt in dem bibliophilen Reiseführer Nur in Budapest ausschließlich Sehenswürdigkeiten jenseits der üblichen Pfade. Beinahe im Stil eines Archäologen legt er Details von Hausfassaden, Mauerresten, Einfriedungen, Befestigungsanlagen, Ruinen oder Labyrinthen frei, beschreibt sie und weist den Weg zur Nachahmung. Nicht für den schnellen Besucher einer Stadt, der in 24 Stunden einen kompletten Überblick über die Metropole haben will, sondern für den kontemplativen, tiefgründigen Betrachter, den Suchenden sind die Wegbeschreibungen gedacht.

Fährten zu einem Budapest der römischen Ruinen, der mittelalterlichen Festungswälle, der türkischen Grabstätten, der verborgenen Innenhöfe, der versteckten Höhlen und alter jüdischer Friedhöfe werden gelegt. Sonderbare Sehenswürdigkeiten wie das unterirdische Ganglabyrinth des Burgberges, die älteste Zahnradbahn, den Park der umgestürzten Statuen illustriert Smith mittels fotografischer und wortreicher Beschreibungen. Verschlafene Häuser beherbergen Museen für Spielzeugeisenbahnen, Kriminalistik, Gas, Textilien, Schmiedekunst, Öfen, Fotografie oder verstorbene ungarische Schauspieler. Beklemmende Einblicke in die Mechanismen der totalitären Regime des Kommunismus und Nazi-Deutschlands bietet das "Haus des Terrors" . Wem mehr nach Kunst denn nach Grauen steht, dem sei eine Suche nach Elementen des Jugendstils und des Wiener Fin de Siècle empfohlen, architektonisch und philosophisch. Ein Besuch der Geburtshäuser der ungarischen Nationalkomponisten Béla Bartók und Zoltán Kodály lohnt ebenfalls.

Einen Wegweiser wider die Oberflächlichkeit, gegen die Schnelllebigkeit kann man das Werk nennen, das durch eine detaillierte Karte sowie Ortsangaben in Ungarisch und einen Index inklusive aller Öffnungszeiten der empfohlenen Sehenswürdigkeiten komplettiert wird. Ein Reiseführer, der auch Ortskundigen sonderbare, exzentrische und neue Eindrücke vermitteln wird. (Gregor Auenhammer/DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2008)

Duncan J. D. Smith: "Nur in Budapest" , Brandstätter Verlag 2008, 244 S., € 19,90

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    Exzentrische Spurensuche historischer Dimensionen bietet das "Haus des Terrors", in dem die Dämonen der Vergangenheit vergegenwärtigt werden.

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