Dauerkonzert in der Freiluftoper

15. September 2008, 20:11
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Im äußersten Osten der Slowakei liegt eines der schönsten Vogelparadiese Europas - Fast wäre es einem Golfplatz mit Flugfeld zum Opfer gefallen - Ein EU-Projekt unterstützt die Arbeit der Ornithologen

Senné - In der Feuchtwiese Ostrovik im Ostzipfel der Slowakei wummert, dröhnt, trillert und quakt es in dieser Nacht ganz unglaublich. Die Kakofonie an den Wasserflächen und im hüfthohen Gras ist fantastisch und fordert das Gehör. Wie soll man da all die Stimmen auseinanderhalten? Der Ornithologe Jan Uhrin von der Slowakischen Ornithologischen Gesellschaft (SOS/Birdlife Slovensko) erklärt das Stimmenwirrwarr: Der tiefe Wummerton der Rohrdommel erinnert an ein Didgeridoo; der heisere Krex-krex-Ruf gehört dem Wachtelkönig; der Schwirl ähnelt einer ratternden Nähmaschine, dann ein paar Tonlagen höher der Chor der Laubfrösche - und schließlich die Nachtigall, die unbestrittene Königin der Nacht. Unglaublich, was man da zu hören bekommt.

Uhrin ist Projektmanager für das Vogelschutzgebiet Senné und kennt es wie kein Zweiter. Er weiß, wo die besten Beobachtungsplätze in der 80 Hektar großen Wiese Ostrovik sind und wo im insgesamt über 200 Hektar großen Schutzgebiet welche Vögel nisten. Die Wiese hat die Ornithologische Gesellschaft stückweise von Einheimischen zusammengekauft. Die Fischteiche im Innern des Schutzgebiets verpachtet der Staat einem Unternehmer. Ornithologe Uhrin findet, die Erhaltung dieses Vogelparadieses in der Ostslowakei sowie ökologisch ausgerichteter Tourismus seien sinnvoller als der ursprünglich geplante Golfplatz mit Flugfeld. Und Ökotourismus sei für diese Randregion wegen der Wertschöpfung erst recht interessanter.

Im Rahmen eines Life-Projektes der Europäischen Union arbeitet Vogelschützer Uhrin zusammen mit anliegenden Gemeinden und dem staatlichen Naturschutz seit gut einem Jahr daran, die einst traditionell bewirtschafteten Feuchtwiesen (Heu und Kuhweiden) vor dem Zuwachsen zu bewahren und feucht zu behalten, damit das Gebiet von internationaler Bedeutung auch ein solches bleibt und nicht zuletzt naturliebende Touristen anzieht. Die Mäh- und Baggerarbeiten auf der Wiese wurden im vergangenen Herbst ausgeführt, die wichtigsten Schleusen sind repariert.

Lehrpfad eröffnet

Vor wenigen Wochen wurde ein Lehrpfad eröffnet - ein erster, 3,5 Kilometer langer Abschnitt von geplanten 18 Kilometern. Er führt von der Gemeinde Inacovce durch die weitläufige Wiesenlandschaft an einem alten, renovierten Ziehbrunnen, einem idyllischen Teich und einer alten Weide vorbei zu den Fischteichen von Senné, an diesen entlang nach Süden zur gleichnamigen Gemeinde. 14 Informationstafeln liefern Angaben zu den Feuchtgebieten, zur Tier- und Pflanzenwelt sowie zur Geschichte der Landschaft. Jetzt kann also auch eine breitere Öffentlichkeit diese einmalige Natur in einer versteckten Ecke der Slowakei genießen.


Die Vogelwelt präsentiert sich tagsüber mindestens so vielfältig wie in der Nacht: Purpur-, Seiden- und Silberreiher fliegen von den angrenzenden Fischteichen über die Feuchtwiese und die Wasserflächen, landen irgendwo in der Wiese, wo sie in der üppigen Vegetation von Gras, Schilf, Iris und Weiden bald verschwinden. Tief über dem Gras gaukeln mehrere Wiesenweihen. In einer feuchten Senke entdecken wir dank Fernrohr eine besondere Seltenheit: schneeweiße Löffler auf Futtersuche. Die fast storchengroßen Vögel ziehen ihre langen, löffelartigen Schnäbel durch das Wasser und sieben ihre Nahrung heraus.

Interessenkonflikte

Ornithologe Uhrin konstatiert, dass im Schutzgebiet der einzige Nistplatz von Löfflern in der Slowakei zu finden ist - noch. Denn Konflikte mit dem Betreiber der Fischteiche machen die Schutzarbeit nicht einfacher - ebenso die neue Tendenz im slowakischen Umweltministerium, bestehende Naturschutzgebiete und Nationalparks wesentlich zu verkleinern.

Doch die initiativen slowakischen Vogelschützer haben in Senné, rund 15 Kilometer von der Regionalhauptstadt Michalovce, bereits einen kleinen Stützpunkt: In einem alten Bauernhaus richten sie ein Informationszentrum über die Feuchtwiesen und das Vogelparadies ein. Naturinteressierte finden hier bereits jetzt eine einfache Unterkunft. Wer gerne zum Gesang der Nachtigallen einschläft und am frühen Morgen direkt auf die Feuchtwiese hinausspazieren will, ist hier richtig.

Bequemer übernachten kann man in der Stadt Michalovce, wo es im SOS-Regionalbüro am Kostolné námestie zehn weitere Informationen zum Vogelparadies gibt. Auf die Vogeltour kann man sich auch gleich nebenan im alten Schloss im Zempliner Regionalmuseum vorbereiten. Dieses beherbergt eine ausgezeichnete Sammlung von ausgestopften Vögeln. Doch die Exemplare in der Natur tönen unvergleichlich lebendiger. Wieso eine CD hören, wenn man gleich in die Oper gehen kann? (Barbora Neversil/DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2008)

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