Kopf des Tages: André Maarten Rettberg

15. September 2008, 19:34
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Fantasie von Geld und Macht endet hinter Gittern

Am Montag krachten US-Banken, gleichzeitig wurde ein österreichisch-niederländischer Buchhändler verknackt. Was das große und das kleine Ereignis miteinander zu tun haben? Sie stehen, in ihrem jeweiligen Kontext und Ausmaß, für Optimismus und Fantasie, die in Gier und Selbstüberschätzung umschlagen, für das Negieren von Realitäten und individuelle Tragödien. Während die US-Banken auf ewig steigende Immobilienpreise gewettet und verloren haben, wollte André Maarten Rettberg Ende der 90er mit seiner Buchkette Libro die Herrschaft in der Unterhaltungsindustrie übernehmen - einfach so, indem er nur ganz fest daran glaubte.

Rettberg ließ sich von heimischen Finanzexperten dazu überreden, beim Spiel um vermeintlich leicht verdiente Börsenmillionen mitzumachen. Was zählte, war damals nur eine gute Geschichte, keine faden Bilanzzahlen. Der expansionsfreudige Holländer wurde von Journalisten hofiert (er wurde zum "Manager des Jahres" gekürt), er ließ sich mit den Rolling Stones backstage fotografieren (Libro sponserte großzügig das Konzert in Ischgl) und stattete die Firmenzentrale luxuriös aus, so als gäbe es kein Morgen.

Das Morgen dauerte auch nicht lange. 2001 trat Rettberg als Libro-Vorstandschef zurück, es folgte der Ausgleich, ein Jahr später Konkurs und Verkauf. Seit damals interessieren sich Wirtschaftspolizei und Staatsanwalt für die Vorgänge rund um den Börsengang, als die Altaktionäre um Finanzier UIAG und Rettberg sich knapp vorher eine "Sonderdividende" aus den Libro-Kassen über 440 Millionen Schilling (32 Mio. Euro) genehmigten. Eine Anklage im Wirtschaftsprozess zur Causa Libro könnte heuer, sieben lange Jahre nach dem Zusammenbruch, erhoben werden.

Rettberg versuchte zuletzt mithilfe seiner Anwälte, sein Privatvermögen vor dem Zugriff der Gläubiger zu retten. Ein Jahr lang war er gar auf der Flucht. Schließlich wurde er 2006 wegen betrügerischer Krida verurteilt, die Haftstrafe (drei Jahre, acht Monate unbedingt) wurde jetzt vom Gericht bestätigt.

Rettberg - er wird am 8. Oktober 51 Jahre alt - jobbte zuletzt als Konsulent für Handelsimmobilienprojekte in Osteuropa (dafür habe er "ein gutes Auge", sagen Freunde). Damit ist bald Schluss. Geprüft wird, ob nun ein Haftaufschubantrag gestellt werden soll, aus "wirtschaftlichen Gründen". Er müsse "seine Familie erhalten, das Verfahren hat ihn ruiniert", sagt sein Anwalt. Rettbergs Sohn hat im Juni in Wiener Neustadt maturiert. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.9.2008)

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    André Maarten Rettberg, Ex-Libro-Chef, muss jetzt doch ins Gefängnis.

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