Das Ende der Banken-Freifahrt

15. September 2008, 19:19
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Der Kollaps von Lehman Brothers kann zur Megakrise führen - oder zu mehr Vernunft

US-Finanzminister Hank Paulson hat am Sonntag die internationalen Finanzspielregeln grundlegend geändert. Von den Währungs- und Bankenkrisen der Neunzigerjahren bis zu den jüngsten Subprime-Problemen hatte die US-Regierung noch jedes größere Finanzinstitut mit Staatsgarantien und Steuergeldern aufgefangen, um größeren Schaden für die amerikanische und globale Wirtschaft abzuwenden. Doch Lehman Brothers, einer der Riesen der Bankenwelt, ließ Paulson untergehen.

Damit geht er ein hohes Risiko ein und sorgt für Turbulenzen auf den Weltbörsen. Aber mittelfristig könnte sich die Entscheidung als heilsamer Schock für eine schon lange auf Abwege geratene Industrie erweisen.

Bis Sonntag galt in der Bankenwelt jenes Prinzip, das nach der Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre aufgestellt wurde: Der Staat darf den Kollaps von großen Banken nicht zulassen, weil dann wie beim Domino das ganze System zusammenbrechen kann. Bis in die Achtzigerjahre war dieses Sicherheitsnetz mit strengen Auflagen verknüpft; diese wurden allerdings durch Ideologen, Lobbyisten und neue Technologien zunehmend gelockert.

Bei Bankern und Anlegern setzte sich daher die Gewissheit fest, sie könnten auf der Jagd nach Renditen alles riskieren; der Staat würde eingreifen, wenn die Verluste nur groß genug sind - und das auf Kosten der Steuerzahler. "Moral Hazard" wird dieses Phänomen genannt, das wie kein anderes zu den Finanzblasen der vergangenen Jahre beitrug. Jede neue Rettungsaktion verstärkte die Risikobereitschaft der Marktteilnehmer und verschärfte die Krise von Mal zu Mal.

Damit ist es nun Schluss. Die großen Verlierer dieser Krise sind die bisherigen Könige der Wall Street, die Investmentbanken, die in den vergangenen Jahren mit immer komplexeren Finanzprodukten Milliarden verdient und ihren Leuten unverschämt hohe Gehälter ausgezahlt haben. Kaum jemand weint Lehman oder Merrill Lynch viele Tränen nach; auch Goldman Sachs und Morgan Stanley, die den Hurrikan halbwegs überstanden haben, werden an Bedeutung verlieren. Mittelfristig gestärkt werden hingegen Geschäftsbanken wie Bank of America, JP Morgan oder auch die österreichischen Institute, die in den Boomjahren etwas besonnener agiert haben.

Ein solcher Ausleseprozess ist grundsätzlich positiv - wäre da nicht die Gefahr, dass die Bankenkrise sich immer weiter ausbreitet und dann die Weltwirtschaft in den Abgrund reißt. Zwar stehen Federal Reserve und Europäische Zentralbank mit milliardenschweren Geldspritzen parat, aber die führenden Finanzhäuser sind inzwischen so eng vernetzt, dass ein Ausfall eines großen Players auch gesunde Institute bedroht. Vergiftete Risikopapiere wie die berüchtigten CDOs haben sich so tief im Finanzsystem eingenistet, dass es Monate dauern wird, bis die Bücher der Banken wieder sauber sind; der gestrige Abverkauf der Finanzaktien ist vielleicht überzogen, aber nicht unberechtigt.

Eines hat das vergangene Jahr gelehrt: Es gibt keinen raschen, schmerzlosen Ausweg aus dem Schlamassel, in das gierige Manager und achtlose Aufseher die Finanzwelt geführt haben. Banken und Anleger müssen gezwungen werden, Risiko wieder richtig einzuschätzen und nur in jene Papiere zu investieren, die sie verstehen. Der Weg dorthin ist hart.

Aus Angst vor dem Mega-kollaps haben Notenbanker und Regierungen den Banken jahrelang Freifahrtscheine ausgestellt, die von diesen hemmungslos missbraucht wurden. Wenn das US-Bankensystem die Krise übersteht, dann könnte wieder Vernunft in die Finanzwelt einkehren. Aber die nächsten Tage werden die Welt noch viel an Nerven kosten. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe,16.9.2008)

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