Klischees und ihre Überwindung

15. September 2008, 18:45
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Ein Publikumserfolg im Wiener Konzerthaus: Das Festival "Spot On: Jiddischkeit"

Wien - Eine Kultur sei kein Kästchen, in das man hineinsehe und das danach wieder geschlossen werde. Kulturen seien Quellen, deren Wasser sich immer neu vermischten: Mit diesen Worten eröffnete Generalsekretär Bernhard Kerres am Samstag das Festival "Spot On: Jiddischkeit" im Wiener Konzerthaus.

Es schien, als würde er damit zu den im Vorfeld aufgeworfenen Fragen über eine derartige Veranstaltung Stellung nehmen: Leistet die Thematisierung jüdischer Kultur Tendenzen Vorschub, diese einzugrenzen, anstatt sie als selbstverständlichen Teil der eigenen Kultur zu begreifen? Oder lassen sich so bestehende Gräben zuschütten?

Der Publikumserfolg des ausverkauften Festivals lässt Letzteres vermuten. Juden und Nichtjuden kamen, um zu hören und zu sehen. In der Israel-Straßenbahn, in der Benjamin Buzaglou am Sonntagvormittag maghrebinisch-jüdische Gesänge intonierte, lauschte auch eine Gruppe junger Männer und Frauen aus dem Iran. Begründung: "We just like this music!"

Dennoch bot "Spot On: Jiddischkeit" Diskussionsstoff: Nicht wirklich glücklich gewählt schien der Titel, ist "Jiddischkeit" doch nicht mit der Gegenwart jüdischer Kultur, sondern mit dem im Holocaust weitgehend vernichteten Ostjudentum verknüpft. Und fanden sich im Programm neben Repräsentanten genuin jüdischer Traditionen auch Musiker, deren einziges Bindeglied ein israelischer Pass zu sein schien. Pianisten-Shootingstar Yaron Herman jedenfalls wühlte sich im Geiste des modernen Jazz, vor allem Keith Jarretts, durch die Klaviatur, während das Amber-Trio Jerusalem Schostakowitschs Klaviertrio Nr. 2 immerhin ein Pendant von Yehezkel Braun, des klassizistischen israelischen Zeitgenossen, gegenüberstellte.

Aus dem Programm ragten die Beiträge des Jazzbassisten Avishai Cohen und Giora Feidmans heraus. Der 72-jährige Klarinettist ließ Klezmer-Klischees beiseite, fand stattdessen in herrlichen Pianissimo-Kantilenen zu vieldeutiger Eindringlichkeit.

Das waren Intensitätsmomente jenseits aller kultureller Herkunftsfragen. (Andreas Felber, DER STANDARD/Printausgabe, 16.09.2008)

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