Unendlich endlich

15. September 2008, 18:32
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"Wer, wenn nicht er kann die Frage, ob wir in Zukunft 120, 150 Jahre oder sogar unendlich leben am besten beantworten", warf "Österreich" die wichtigste Frage auf

Bei der Maus hat es schon geklappt. Bei Madonna auch. Bei der Maus: Durch Austricksen eines Gens wurde die Lebenserwartung der Nager um 50 Prozent gesteigert. Ist nun der Mensch dran? Bei Madonna: Ihre Ehe stand schon vor dem Aus, schien nicht mehr zu kitten. Mit der "Love Code"-Paartherapie entdeckten die beiden die Liebe wieder ganz neu. Sind nun die Leser/innen von "Österreich" dran?

Deren Sonntag hat das Blatt gerettet. Menschen werden bald 150 Jahre alt. Auch ewiges Leben ist möglich, sagte dort der österreichische Gen-Forscher Markus Hengstschläger im Rahmen eines medialen Hengstschläger-Wochenendes voraus, das mit seiner jüngsten populärwissenschaftlichen Veröffentlichung "Endlich unendlich" zusammenhing. Wer, wenn nicht er kann die Frage, ob wir in Zukunft 120, 150 Jahre oder sogar unendlich leben am besten beantworten, warf "Österreich" beistricharm und rhetorisch die wichtigste Frage des Wochenendes auf. Denn Buchautor Markus Hengstschläger ist nicht nur Österreichs bekanntester Gen-Forscher, sondern besitzt einen direkten Draht zu Gott. Denn der erst 40-jährige Universitätsprofessor zählt zum elitären Kreis der Berater des Papstes in Wissenschaftsfragen. Und im Vatikan gibt es wohl keine Zweifel darüber, ob es ein "ewiges Leben" gibt oder nicht.

Wissenschaftlich zu klären, weil wichtig für irdisches Wirken, wäre nur noch, ob das ewige Leben vor der flexiblen Hengstschläger-Deadline angezählt werden soll oder erst ab dann. Der Aufreger gehört nämlich nicht nur zum elitären Kreis der Berater des Papstes in Wissenschaftsfragen, jedenfalls sitzt er in der päpstlichen Akademie für das Leben, sondern auch zum tendenziell weniger elitären Kreis des Personenkomitees für Wilhelm Molterer, er hat also nicht nur einen direkten Draht zu Gott, sondern auch zum Designer des elften Gebotes "Es reicht!"

Das ist insofern von Bedeutung, als Herr Hengstschläger am Wochenende im Radio hartnäckig und unter Berufung auf die Wissenschaft bestritten hat, dass es Wunder gibt. Nicht auszudenken, wie der Besuch in Lourdes ausgegangen wäre, wenn der Papst nicht eine ebenso hartnäckige Beratungsresistenz an den Tag legte, statt auf einen Gen-Forscher von der Insel der Seligen mit einem direkten Draht zu Gott zu hören. Sollte Benedikt XVI. gewissen Zweifeln an den wissenschaftlichen Leistungen seines Beraters erlegen sein, könnte er diese aus der "Wiener Zeitung" haben, wo sie sich am 22. August, bisher unwidersprochen, fanden. Aber auch bei jemandem, der schon als Wissenschaftssprecher der Volkspartei gehandelt wird, wirkt es provokant, nicht an Wunder zu glauben. Wie sonst sollte Molterer Bundeskanzler werden?

Vielleicht ist dem Papst, wenn er sich gelegentlich ärztlichen Rat aus Sendungen des ORF holt, aber auch nur zu Ohren gekommen, dass der Gen-Forscher dort schon als "Radiodoktor" aufgetreten sein soll, ohne Mediziner zu sein. Da soll er nicht an seinem Wunder- glauben festhalten? Ist also, so fragt "Österreich", unendliches Leben bald möglich? Gen-Forscher und Bestseller-Autor Markus Hengstschläger sagt in seinem neuen Buch: "Ja". Leider überrascht der Vorzeigewissenschafter im selben Atemzug mit einem philosophischen Ansatz. Aber nur den Redakteur. "Theoretisch wird es möglich sein, ewig zu leben. Aber ich wünsche es mir nicht", so Hengstschläger, der Philosoph.

Praktisch könnte das Projekt wie so viele große Ideen an einer Kleinigkeit scheitern: Das ewige Leben ist theoretisch möglich, doch wir sind geistig dafür nicht ausgerüstet. Als könnte "Österreich" das stören.

Lautet Hengstschlägers wissenschaftliche Antwort auf die Frage nach dem ewigen Leben eindeutig Jein, können Madonna und Guy Ritchie mit ihrer "Love Code"-Paartherapie auf konkrete Ergebnisse verweisen. Noch Anfang des Jahres schien diese Ehe nicht mehr zu retten. Jetzt ist alles in Butter: Dirty Talk kann nie schaden. Madonna und Guy kreierten eigene Code-Worte, um der Sexfantasie einzuheizen. Ob "Lass uns ewig leben!" dazugehört, bleibt offen, aber auch sie haben einen philosophischen Ansatz. Er: Ich sympathisiere mit vielen verschiedenen Philosophien. Trotzdem begleitet er seine Madonna jetzt dreimal pro Woche ins Kabbalah-Center.

An die päpstliche Akademie für das Leben kommt das nicht ganz heran, aber eine Kombination der "Love Code"-Paartherapie mit der Aussicht auf ewiges Leben könnte einen wissenschaftlichen Bestseller hergeben, der nicht nur "Österreich", sondern auch den Papst überzeugt. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 16.9.2008)

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