Deutschland: Kommt Zeit, kommt Rat

15. September 2008, 18:27
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Westerwelle klingt gar nicht so glücklich, wenn er über mögliche Koalitionen spricht - von Birgit Baumann

Guido Westerwelle müsste eigentlich ein paar Zentimeter über dem Berliner Boden schweben. So begehrt wie in diesen Tagen war der FDP-Chef selten. Nicht nur die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel will nach der nächsten Bundestagswahl mit ihm koalieren, auch die SPD-Spitze macht ihm deutliche Avancen.

Doch Westerwelle klingt gar nicht so glücklich, wenn er über mögliche Koalitionen (Ampel oder Schwarz-Gelb) spricht. Denn die Last der Entscheidung drückt schwer auf seine Schultern. Eigentlich hat er fest versprochen, auf Merkel zu warten und mit ihr 2009 endlich jene Koalition zu bilden, für die es 2005 rechnerisch nicht reichte.

Doch in der FDP gibt es genug, die nach der nächsten Wahl vor allem eines wollen: eine Rückkehr in die Regierung, aus der die FDP 1998 abgewählt wurde. Stärkste Oppositionskraft im Bundestag, nicht erfolglos in den Ländern - Westerwelle hat in den vergangenen Jahren einiges geschafft. Doch das reicht den meisten nicht. Sie wollen endlich wieder an die Macht. Schließlich ist die FDP jene Partei in Deutschland, die am längsten von allen in Regierungsverantwortung war - mehr als 40 Jahre lang. Und wenn sich nun eine Option mit der SPD eröffnet, könnte das Westerwelles Nibelungentreue zu Merkel schwer erschüttern.

Noch muss sich Westerwelle ja nicht äußern. Kommt Zeit, kommt Rat, bis zur Wahl dauert es noch. Erstaunlich aber ist, dass die SPD sich kaum zurückhalten kann. Erst seit einer Woche hat sie eine neue Führung. Diese weiß zwar noch nicht, wohin es inhaltlich gehen soll, sucht aber schon neue Partner. Deutlicher kann man kaum demonstrieren, dass man nicht mehr arbeiten mag. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2008)

 

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