Prinzessin Salomes Bilderbad im Attersee

15. September 2008, 18:22
posten

Christian Ludwig Attersee war Ausstatter und szenischer Mitgestalter einer auch musikalisch höchst attraktiven "Salome" im Bremer Theater am Goetheplatz

Das Theater am Goetheplatz in Bremen hat - als Heimstätte des Tanztheaters Bremen, das in den späten 70er-Jahren von Reinhild Hoffmann geprägt wurde, und als Uraufführungsort von Mauricio Kagels Nach einer Lektüre von George Orwell im Jahr 1984 - nicht nur eine stattliche Vergangenheit, sondern auch eine sehens- und hörenswerte Gegenwart. Sonst wäre es von der Zeitschrift Opernwelt im Vorjahr wohl nicht zum Opernhaus des Jahres gekürt worden. Immerhin hat man in der letzten Spielzeit György Ligetis Le Grand Macabre gespielt und nimmt sich für heuer neben der Europapremiere von Sylvester Levays Musical Marie Antoinette auch Peter Ruzickas 2001 in Dresden uraufgeführte Oper Celan vor.

Auch sonst versuchte das Musiktheater in Bremen in seinen Produktionen immer wieder vom Trampelpfad auszuscheren: Schon 1991 hat man Markus Lüpertz die Ausstattung von Frank Martins Shakespeare-Oper Sturm übertragen oder 1986 Jörg Immendorff Bühnenbilder und Kostüme für eine Produktion der Elektra von Richard Strauss entwerfen lassen.

So hat die Zusammenarbeit mit namhaften Vertretern der Bildenden Kunst in Bremen also schon Tradition. Und trotzdem liegt der Fall Attersee und Salome anders. Wurden die erwähnten Künstler eingeladen, bloß ihre Entwürfe abzuliefern, so wurde Christian Ludwig Attersee auch zur szenischen Mitgestaltung gebeten, um, wie er es nennt, eine "Atterseeisierung" der Salome vorzunehmen. Und dazu bringt er einige Voraussetzungen mit.

Abgesehen davon, dass Christian Ludwig, wie er ursprünglich heißt, erstaunlicher Weise mit Christa Ludwig tatsächlich weitschichtig verwandt ist und ursprünglich Opernsänger werden wollte, besucht er von Kindesbeinen an die Salzburger Festspiele und kennt aus seinen Jugendtagen auch die meisten Staatsopernproduktionen, besitzt 75.000 Tonträger und hat, wie man weiß, auch selbst komponierte Chansons öffentlich vorgetragen.

Arbeit mit Renato Zanella

Außerdem schuf er - nach Arbeiten für das Düsseldorfer Schauspiel und das Hamburger Schauspielhaus - im Vorjahr für die Wiener Staatsoper die Bühnenbilder zu Igor Strawinskys Petruschka; und vergangenen November hatte in der Belgrader Madlenianum-Oper Renato Zanellas abendfüllendes Ballett Wolfgang Amadé in einer Ausstattung von Christian Ludwig Attersee Premiere.

Doch was Attersee vor allem für die Salome prädestiniert, ist, dass er ein Maniac ist, ein Besessener; dass er wie kaum ein anderer diesen Mix aus Erotik, Gefühlstrunkenheit und Askese emotional nachvollziehen kann und zur Musik von Richard Strauss ein gleichwertiges optisches Äquivalent zu liefern vermag.

Man könnte sagen, bevor Christian Ludwig Attersee die Salome "atterseeisiert" hat, hat diese ihn zunächst einmal tüchtig "salomisiert" . Sie hat die "Kunstmaschine", als die er sich bezeichnet, in rastlose Tätigkeit versetzt. Es sind seit dem Oktober des Vorjahres nicht nur die üblichen Figurinen entstanden, "die Kunstmaschine" hat auch einen Zyklus von 25 Salome-Blättern ausgeworfen. Zusammen mit 70 großen Bildern machen sie das geräumige Foyer des Theaters am Goetheplatz zum Museum, was durchaus im Sinne des seit dem Vorjahr amtierenden Intendanten Hans-Joachim Frey ist.

So ist Christian Ludwig Attersees von schemenhaft angedeuteten Vogelköpfen, fliegenden und liegenden Nackten und sich um diese rankenden Blumen bevölkerte, orgiastische Bilderwelt schon vor dem Eintritt in den Zuschauerraum auf eine so intensive Weise präsent, dass die Aufführung selbst nur als schlüssige Fortsetzung dieser berauschenden Optik erlebt wird. Attersee hat für die Handlung einen strengen Kanon von Bildern und Symbolen geschaffen, den man nicht zu kennen braucht. Es fasziniert allein schon die Selbstverständlichkeit, mit der Klang hier nicht vergröbernd illustriert, sondern optisch weiterentwickelt wird.

Gewagte szenische Lösungen

Attersee poetisiert die Musik, lässt einen gläsernen Kelch wie einen Mond über die ersten Bilder schweben, der dann aber am Schluss in gestürzter Form Salome wie ein Insekt unter Bernstein erstarren lässt. Ob sie tatsächlich stirbt, lässt Attersee aber offen. Der Tanz wird in der Choreografie von Jacueline Davenport zu einem meisterhaften Reigen, in den auch Herodes auf groteske Weise einbezogen wird; und der Kopf des Jochanaan ist ein globusförmiger Ball, der schon bei Salomes Tanz verwendet wird und dessen Bedeutung dann nach Attersees Meinung das Publikum selbst entschlüsseln soll.

Derart gewagte szenische Lösungen, zu denen Susanne Kirstin Gauchel mit einer sehr eindringlichen Personenführung beitrug, stehen und fallen je nach dem Rang der musikalischen Interpretation. In Kelly Cae Hogan hatte man eine darstellerisch äußerst intensive und stimmlich souveräne Salome, der man die Met-Erfahrung anmerkte. Und Jochen Kupfer machte als jugendlicher Jochanaan Salomes erotischen Aufruhr immerhin verständlich. Mit Patrick Jones war ein Bilderbuch-Herodes gefunden und mit Fredrika Brillembourg eine dominante Herodias. Was aber vor allem zählt, war die hochkarätige Wiedergabe durch die von Markus Poschner geleiteten Bremer Philharmoniker. (Peter Vujica aus Bremen, DER STANDARD/Printausgabe, 16.09.2008)

  • Hohe Intensität: Kelly Cea Hogan (als Salome) und Fredrika Brillembourg (als Herodias, unten).
    foto: jörg landsberg

    Hohe Intensität: Kelly Cea Hogan (als Salome) und Fredrika Brillembourg (als Herodias, unten).

Share if you care.