Radikaler Bruch: Panasonic nimmt der Spiegelreflex den Spiegel

15. September 2008, 18:04
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Eine Kamera mit Wechselobjektiv und Sucher, dessen Bild jedoch nicht von einem Spiegel, sondern einem Minidisplay kommt

Der japanische Elektronikkonzern Panasonic will Canon, Nikon und Sony im hochprofitablen Markt für digitale Spiegelreflexkameras mit einer neuartigen Kamera Kunden abjagen. Die Lumix G1, die Ende September zur Photokina in Europa gezeigt wird, ist die erste Spiegelreflex-ähnliche Kamera, die das schwere und große Spiegel- und Prismensystem durch ein hochauflösendes elektronisches Display ersetzt.

Ehrgeiz

Panasonic versucht damit, zwischen den digitalen Kompaktkameras und den großen und schweren Spiegelreflexkameras ein neues Segment kleiner, einfach zu benutzender Digitalkameras mit Wechselobjektiven zu schaffen, sagte der Chef von Panasonics Spiegelreflexsparte, Tokikazu Matsumoto, dem Standard. Das ehrgeizige Ziel: „Bis 2010 wollen wir im Spiegelreflexsegment einen Marktanteil von zehn Prozent erreichen." Derzeit krebst Panasonic, bei Kompaktkameras einer der großen Hersteller, im unteren einstelligen Prozentbereich herum.

Radikaler Bruch

Der radikale Bruch mit der über 70-jährigen Tradition der Spiegelreflexkameras heizt das technische Wettrennen an, mit dem die Hersteller vor der weltgrößten Fotomesse Photokina um den High-End-Markt kämpfen. Sony, das 2006 die Spiegelreflexsparte von Konica Minolta übernommen hat, stellte, wie berichtet, vorigen Mittwoch mit der A900 seine erste Profi-Kamera mit einem Full-Frame-Sensor im Kleinbildformat 24x36 mm und 24 Millionen Pixel Bildauflösung vor. Wenigstens vorübergehend übernimmt damit Sony in Sachen Auflösung den ersten Platz von Marktführer Canon.

D90

Canons stärkster Konkurrent Nikon wiederum präsentierte eine Woche zuvor mit der D90 die erste Spiegelreflexkamera, die auch High-Definition-Videos schießen kann. Und Olympus wird demnächst seine Version des gemeinsam mit Panasonic entwickelten Micro FourThird-System vorstellen, auf dem die Lumix G1 basiert.

Der Grund für das Wettrüsten: In dem bisher von Canon und Nikon dominierten Markt sind Gewinnmargen und Kundenbindung höher, der Preisverfall geringer als im hart umkämpften Kompaktkameramarkt. Denn Kunden kaufen nicht nur die Kamera, sondern auch Objektive und Blitze. Gleichzeitig bleiben die Kunden einer Marke wegen der hohen Investitionen in die Objektive länger treu.

Die Lumix G1 „kann die Spielregeln im Einstiegssegment des Spiegelreflexmarktes ändern"

Kameraexperten rechnen Panasonic mit dem neuen Produkt nun endlich Chancen zu, den Spiegelreflex-Markt im zweiten Anlauf zu knacken. Die Lumix G1 „kann die Spielregeln im Einstiegssegment des Spiegelreflexmarktes ändern", urteilt Simon Johnson, Kamerarezensent der weltbekannten Internetseite Dpreview.com.

Dringend

Panasonic benötigt dringend einen Hit. Denn die ersten Gehversuche im gehobenen Segment brachten dem Konzern zwar wegen bahnbrechender technischer Neuerungen wie der L10, der ersten Kamera mit einer Live-Ansicht des Motivs auf dem LCD der Kamera, viel Lob, aber kaum Umsatz. Anders als Sony hat sich Panasonic keine alte Marke mitsamt deren Kundenstamm gekauft.

Diesmal zielt der Konzern daher insbesondere auf Kompaktkamerabesitzerinnen, die ihre erste „Spiegelreflex" kaufen, sagt Panasonics Spartenchef Matsumoto. „Wir konkurrieren nicht im Profi-Bereich, sondern nur bei ambitionierten Amateuren." Diese Gruppe soll rund ein Fünftel der zuletzt 113 Millionen Kompaktkamerakäufer ausmachen. Aber viele würden den Sprung scheuen, weil bisherige Modelle zu groß, zu schwer und zu kompliziert seien, so Matsumoto.

Die Farben der Fotografinnen

Diese Ängste will Panasonic mit der neuen Kamera nehmen. „Wir dachten, dass wir einen neuen Markt entwickeln müssen", sagt Matsumoto. Mit 380 Gramm ist die Kamera die leichteste und kleinste Digitalkamera mit Wechselobjektiven, ihre Bedienung gleicht der von Kompaktkameras. Als Tribut an die weibliche Kundschaft gibt es die Kameras nicht nur im traditionellen Schwarz- und Silberlook, sondern auch tiefblau und bordeauxrot und mit gummi-seidenartiger Oberfläche.

Videos

Der eigentlich Durchbruch ist allerdings der Sucher: „Um den optischen Sucher ersetzen zu können, mussten wir einen hellen, großen elektronischen Sucher mit hoher Auflösung entwickeln", sagt Matsumoto. Die dazugehörige Technik hat sich Panasonic von seinen professionellen Video- und Fernsehkameras geliehen. Ein Gimmick hat sich Panasonic für später aufgehoben: Videos. Dies soll erst das nächste Modell im kommenden Frühling können. Die L10 soll im Oktober auf den Markt kommen und mit Weitwinkelzoom rund 800 Euro kosten. (Martin Kölling aus Tokio, DER STANDARD printausgabe, 16. Septmber 2008)

 

  •  Lumix G1

    Lumix G1

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