"Über Wachteleier lässt es sich leichter reden als über Armut"

17. September 2008, 08:57
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Linguist Panagl im derStandard.at-Interview über fesche Sakkos, inhaltsleere Debatten und Politiker, die ihre Rhetorik den Erwartungen ihrer Klientel anpassen

Die Wachteleier als Teil der SPÖ-Liste von Luxulebensmittel, die von der Mehrwertsteuerhalbierung ausgenommen werden sollten, waren in den letzten Tagen wesentlicher Bestandteil politischer Diskussion. ÖVP und Grüne unken über die "Wachteleier-Koalition", zwischen Rot und Blau, Medien lieferten promt Hintergrundinformationen zum Ei.

derStandard.at sprach mit  Sprachwissenschafter Oswald Panagl über das Prinzip der Leerformel, die Bedeutung von symbolischen Lebensmitteln und über die rhetorischen Qualitäten unserer PolitikerInnen. Die Fragen stellte Katrin Burgstaller.

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derStandard.at: Neil Postman hat in den frühen 80er Jahren das Buch "Wir amüsieren uns zu Tode" geschrieben. Er sagt, die Politikerdiskussionen wären inhaltsleer und deshalb sei es für die Bevölkerung schwer, sich ein ernsthaftes Urteil zu bilden. Können Sie diesem Urteil etwas abgewinnen?

Panagl: Es gibt tatsächlich das Prinzip der Leerformel, das heißt, dass man Sprachhülsen gebraucht, dass Wörter ihre Grundsemantik verloren haben. Natürlich nähern sich Politiker immer stärker einander an. Mit extremem Kommunismus wird man heute vielleicht noch bei ein paar Studenten oder Rentnern punkten können. Im Fernsehen ist natürlich auch der Unterhaltungswert gefragt, inklusive des feschen Sakkos und der gut sitzenden Krawatte.

derStandard.at: Können Sie das Prinzip der Leerformel genauer erklären?

Panagl: Mein Lieblingsbeispiel ist die Lebensqualität. Der eine versteht darunter, am Sonntag bis um 12 im Bett zu liegen, für den anderen bedeutet Lebensqualität um fünf Uhr auf einen Berg zu gehen.

derStandard.at: Wer hat Schuld an den teils inhaltsleeren Debatten?

Panagl: Es ist jeder Politiker auf seine Weise durchaus auch ein ehrlicher Arbeiter. Er versucht für sich und für seine Partei mit wechselnden Mitteln das Beste herauszuholen. Aber auch unter den Bürgern gibt es eine Saturiertheit. Es gibt viele Leute, die nur noch die Kronen Zeitung lesen. Ob Inhalte, die vielleicht auch ein wenig weh tun, punkten würden, das ist die Frage. Daran sind nicht die Politiker schuld, sondern die Bürger und ein wenig auch der Zeitgeist. Die Politiker passen ihre Rhetorik natürlich auch an den Erwartungshorizont ihrer Klientel an.

derStandard.at: Die SPÖ hat ihre zwölf Lebensmittel präsentiert, die Sie von der Mehrwertsteuerhalbierung ausnehmen möchte. Kritiker wundern sich darüber, wie es zur Auswahl kam und werfen der SPÖ Populismus vor. Wie finden Sie die berühmte Luxus-Liste?

Panagl: Die Zahl 12 ist eine biblische Zahl und sie gibt mehr Spielraum, als fünf oder zehn. Damit kann man die gut situierten Bürger gewinnen, die vielleicht nicht unbedingt Austern essen. Die Strategie - wer unbedingt Wachteleier essen muss, soll mehr zahlen oder sie eben selbst schießen - finde ich nicht so schlecht. Ich schließe nicht aus, dass die SPÖ ihr Argument ernst meint und der Populismus nur eine erwünschte Nebenwirkung ist.

derStandard.at: Die Wachteleier sind also nicht inhaltsleer sondern haben eine politische Dimension?

Panagl: Ja, auch der Terminus Spargelessen zwischen Gusenbauer und Haider hatte eine politische Dimension und eine politische Konnotation. Ob sich die Wachteleier so durchsetzen werden wie der Spargel, weiß ich nicht.

derStandard.at: Finde Sie es nicht interessant, dass jetzt über die Wachteleier oder früher über das Spargelessen geredet wird, während es in unserem Land große soziale Probleme, zum Beispiel die steigende Armut gibt?

Panagl: Wachteleier sind prägnant und konkret. Armut und Reichtum sind abstrakter. Ab wann ist jemand reich und ab wann ist jemand arm? Für die Leute ganz unten ist jemand wie ich, also ein Universitätsprofessor, vielleicht wohlhabend. Für mich aber beginnt Reichtum bei astronomischen Höhen des Einkommens. Aber über Wachteleier kann man sich einigen. Man kann sich darüber verständigen, ob man sie will oder nicht. Sie sind als Teil für das Ganze etwas sehr Anschauliches und Prägendes. Die Wachteleier stehen für einen allgemeinen Zustand. Über Wachteleier lässt es sich leichter reden als über Armut.

derStandard.at: Wie beurteilen Sie die Redekunst unsere PolitikerInnen?

Panagl: Es ist keiner von ihnen Substandard. Die einen sind plakativer, die anderen versuchen einen Argumentationszusammenhang herzustellen, wieder andere versuchen mit Körpersprache zu punkten. Sie können Sätze klar formulieren und wissen, wie sie die Inhalte entsprechend ihrer Klientel kommunizieren. (Katrin Burgstaller/derStandard.at, 15. September 2008)

Zur Person

Oswald Panagl, geboren 1939,  ist Professor  für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Salzburg. Daneben ist er kulturessayistisch und dramaturgisch tätig. Seit 1989 ist er Mitveranstalter der Salzburger Symposien für Musiktheater.2007 veröffentlichte er gemeinsam mit dem Politologen Peter Gerlich das "Wörterbuch der politischen Sprache in Österreich" im Österreichischen Bundesverlag.

  • Sprachwissenschafter Oswald Panagl: "Die Politiker passen ihre Rhetorik
natürlich auch an den Erwartungshorizont ihrer Klientel an."

    Sprachwissenschafter Oswald Panagl: "Die Politiker passen ihre Rhetorik natürlich auch an den Erwartungshorizont ihrer Klientel an."

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