"Warum sind Frauen dazu gezwungen eine Wahl zu treffen?"

16. September 2008, 18:01
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Ess-Störungsexpertin Gabriele Haselberger sieht sich als Selbständige und kinderlose Frau von keiner Partei vertreten - ein dieStandard.at-Interview

Über Politikverdrossenheit im Allgemeinen und die kommenden Nationalratswahlen am 28. September im Besonderen gab im dritten Teil unserer Serie Gabriele Haselberger, Bewegungsanalytikerin und Mitarbeiterin vom Therapiezentrum intakt für Menschen mit Ess-Störungen, Auskunft. Im Gespräch mit Dagmar Buchta betonte sie, dass gerade im Gesundheitsbereich Reformen von Nöten wären.

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dieStandard.at: Die letzte NR-Wahl ist erst zwei Jahre her. Viele Wahlberechtigte empfinden die Ausrufung von Neuwahlen als Zumutung. Halten Sie diese für sinnvoll?
Gabriele Haselberger: So wie es ausschaut, war es für die Parteien die einzige Möglichkeit, die verfahrene Situation zu lösen. Es ging ja nicht mehr um Inhalte, sondern nur mehr um ein 'gegenseitiges Runtermachen'. Ob es jedoch sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt. Prinzipiell glaube ich, dass Neuwahlen nichts ändern werden.

dieStandard.at: Das klingt resigniert. Sehen Sie sich als "politikverdrossen"?
Gabriele Haselberger: Ja - ich glaube auch, dass über Wahlen nichts zu erreichen ist. Ich bin auch ratlos, wen ich wählen soll. Da keine der Parteien Standpunkte vertritt, mit denen ich mich vollständig identifizieren kann. So gesehen werde ich jene wählen, mit denen ich mich schon für längere Zeit solidarisch fühle. Und von denen ich sehe, dass sie wenigstens in den Bezirken immer wieder etwas erreichen. Ich habe den Eindruck, dass sich die Inhalte der unterschiedlichen Parteien nicht wesentlich von einander unterscheiden und es den Vertretern darum geht, wer populistischer und medienwirksamer agiert als die anderen und sich damit "volksnäher" gibt.

dieStandard.at: Finden Sie, dass sich Frauen generell und in diesem Fall Heide Schmidt weniger populistisch präsentieren?
Gabriele Haselberger: Populistisch präsentiert sich Heide Schmidt nicht. Ich glaube, dass sie eine integre Person ist und empfinde auch ihre Intelligenz als wohltuend. Jedoch sehe ich ihre politische Vergangenheit als problematisch an.

dieStandard.at: Frausein ist natürlich kein Programm. Aber welche Partei in Österreich vertritt Ihrer Ansicht nach Frauenanliegen am ehesten?
Gabriele Haselberger: Da muss ich passen - ich weiß es schlichtweg nicht. Das klingt jetzt vielleicht provokant, aber ich als Frau und als Selbstständige und kinderlos sehe ich mich von keiner Partei wirklich vertreten.

dieStandard.at: Können Sie das genauer erläutern?
Gabriele Haselberger: Ich meine, dass Familien und allein stehende Männer mehr von den politischen Konzepten profitieren als eine kinderlose, selbständig arbeitende Frau im mittleren Alter. Noch schlechter haben es natürlich Alleinerzieherinnen, die fallen total durch den Rost.

dieStandard.at: Sie schätzen also den Einfluss der gewählten Regierung und deren politische Programme auf Ihr Leben und Ihre Arbeit als recht hoch ein?
Gabriele Haselberger: Natürlich spielt es eine Rolle, vielleicht nicht direkt, aber es ist spürbar. Es ist zum Beispiel spürbar, dass Reformen nicht durchgeführt wurden wie etwa die Gesundheitsreform, und dass es wirtschaftlich schwieriger ist. Ich arbeite im Gesundheitssektor - und da ist sehr stark spürbar, dass für diesen Bereich wenig bis garkein Geld bereitgestellt wird. Da viele Frauen in diesem Bereich arbeiten, trifft es natürlich hauptsächlich Frauen. Und Frauen sind nach wie vor schlechter bezahlt als Männer, es gibt für sie kaum die Möglichkeit Beruf und Familie miteinander zu verbinden, außer sie bleiben zuhause. Aber warum sind Frauen dazu gezwungen eine Wahl zu treffen? Und alle reden vom Sparen - wie soll das möglich sein, wenn alles andere teurer wird? Natürlich - ich habe als Frau die Möglichkeit, da ja - wie gesagt - noch immer Frauen weniger bezahlt bekommen, daheim zu bleiben und mein Mann verdient - die klassische Rollenverteilung von anno dazumal.

dieStandard.at: An den Rollenzuschreibungen hat sich also nicht viel geändert, obwohl zumindest zwei Parteien um die Gleichberechtigung bemüht sind. Woran liegt es, dass da nichts weiter geht, sind es wirtschaftliche Gründe?
Gabriele Haselberger: Ich denke schon, dass hier wirtschaftliche Gründe eine Rolle spielen. Es gibt immer noch zuwenig Frauen in entsprechenden Positionen, um Entscheidungen zu treffen. Und ich vermute, es liegt auch daran, dass Frauen eher vernetzt denken und kontextbezogener tun, aber nicht in Seilschaften agieren - das ist eher eine Männerdomäne.

dieStandard.at: Ein grundlegendes Problem der Repräsentanz. Glauben sie, dass die so genannte repräsentative Demokratie prinzipiell in einer Krise steckt?
Gabriele Haselberger: Ja - ich denke schon. Da die 'Vertreter' des Volkes nicht wirklich glaubwürdig erscheinen, insbesondere zwei, die sich aufgrund ihrer Haltung für mich als Vertreter vollkommen disqualifizieren. Das beginnt schon mit deren mangelnder Rede- und Gesprächskultur, die sie bei den Politikgesprächen immer wieder unter Beweis stellen.

dieStandard.at: Sehen Sie Alternativen für politisches Engagement?
Gabriele Haselberger: Das ist schwierig zu beantworten. Die politische Verweigerung bringt nichts. Was für mich vorstellbar ist, mich in meinem Wirkungsbereich zu engagieren, zu diskutieren, Bürgerinitiativen zu unterstützen usw. Im Großen, habe ich den Eindruck, kann ich gar nichts bewirken. Wenn man es natürlich buddhistisch betrachtet, kann selbst der Flügelschlag eines Schmetterlings Auswirkungen auf den Lauf der Welt haben.

dieStandard.at: Werden Sie am 28. September trotzdem wählen gehen?
Gabriele Haselberger: Auf jeden Fall. Nicht zu wählen brächte gar nichts.

  • Gabriele Haselberger ist als Bewegungsanalytikerin im Therapiezentrum intakt für Menschen mit Ess-Störungen tätig. Die politischen Probleme ortet sie folglich im Gesundheitsbereich, aber auch in der Frauenpolitik.
    Foto: privat

    Gabriele Haselberger ist als Bewegungsanalytikerin im Therapiezentrum intakt für Menschen mit Ess-Störungen tätig. Die politischen Probleme ortet sie folglich im Gesundheitsbereich, aber auch in der Frauenpolitik.

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