Apocalypse Dow

15. September 2008, 12:13
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Die amerikanische Finanzbranche hat sich mit einem Schlag dramatisch verändert. Die schwer angeschlagene Investmentbank Lehman Brothers steht vor dem Aus

Das jüngste Erdbeben der seit Sommer 2007 dauernden Subprime-Krise war zu viel für die US-Investmentbank Lehman Brothers. Die ehrwürdige Wall-Street Dame beantragt mit einem Schuldenberg von weit über 600 Milliarden Dollar Gläubigerschutz, der erste Schritt zum Konkurs. Verschärft hatten sich die Probleme, als die Korean Development Bank vergangene Woche auf einen Einstieg verzichtete - nach fast zweimonatigen Verhandlungen. Allein in der vergangenen Woche stürzte die Lehman-Aktie an der Börse um fast 80 Prozent auf 3,65 Dollar ab. Seit Jahresbeginn verlor sie fast 95 Prozent ihres Werts.

Sah es am Wochenende noch nach einer scheibchenweisen Übernahme durch die Bank of America aus, rettet diese nun überraschend die Lehman-Konkurrentin Merrill Lynch.

Die US-Finanzwelt steht damit inmitten der turbulentesten Zeiten seit der Großen Depression. Das System ist in seinen Grundfesten erschüttert und wird zu tief greifenden Veränderungen in der Bankenlandschaft führen.

Der Zusammenbruch der 158 Jahre alten Traditionsbank sendet Schockwellen über die gesamte Branche. Anleger fliehen aus Aktien und flüchten sich in vermeintlich sichere Staatsanleihen. In Europa geht es mit den großen Indizes um drei bis vier Prozent nach unten, während die zehnjährigen US-Staatspapiere um zwei volle Punkte steigen und damit den stärksten Sprung an einem Tag seit 20 Jahren verzeichnen. An der Wall Street bangen die Anleger bereits. Für den Handelsstart am weltweit wichtigsten Markt brauchen sie Nerven aus Stahl, wird der Dow Jones vermutlich nur eine Richtung kennen - steil nach unten.

Die zehn Bankenriesen Bank of America, Deutsche Bank, Credit Suisse, UBS, Barclays, Morgan Stanley, Citibank, Goldman Sachs, J.P. Morgan und Merrill Lynch kündigten bereits an, 70 Milliarden Dollar in einen Fonds einzuzahlen, um Liquiditätsengpässe von Banken abzufedern. Und auch die US-Notenbank öffnet erneut die Geldschleusen und pumpt Milliarden in den Markt.

Dennoch: Die tektonischen Platten der US-Finanzwelt haben sich verschoben. Der Sektor steht vor einer Komplett-Neuordnung. An der Wall Street wird es in dieser Woche wohl historische Umwälzungen mit Folgen für die gesamte Finanzwelt kommen. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 15.9.2008)

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