Im sozialen Niemandsland

15. September 2008, 10:36
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In einem neuen Buch lassen Mediziner vor allem Angehörige von Alzheimerkranken zu Wort kommen

Die Mutter von Elisabeth Radler hört sich ein Konzert im Radio an. "Wieso sieht man da nichts im Fernsehen?", fragt die an Alzheimer erkrankte Frau ihre Tochter, die diesen Satz dann in ein Büchlein schreibt. Elisabeth Radler sammelt - wie es sonst nur Eltern bei ihren Kindern tun - lustige Aussprüche ihrer Mutter, die sie seit mehr als zehn Jahren pflegt.

 

Dabei, sagt sie, habe sie großes Glück, denn "die Krankheit mache ihre Mama noch geduldiger und freundlicher als früher". Das ist eine Ausnahme, denn Alzheimerkranke können auch sehr aggressiv sein. Einzig und allein auf Unruhe und Hektik reagiere die Mutter trotzig. "Aber selbst solche Momente hat sie in fünf Minuten vergessen. Alzheimer hat auch Vorteile." Radler schöpft viel Kraft aus ihrem Humor, trotzdem wäre sie an ihrer Aufgabe, der Pflege der Mutter, fast zerbrochen.

 


In einem neuen Buch mit dem Titel "Memories" lassen die beiden Alzheimer-Spezialisten Peter Dal-Bianco vom AKH Wien und Reinhold Schmidt von der Med-Uni Graz Angehörige zu Wort kommen. Denn gerade sie leiden an der Erkrankung ebenso heftig wie die Betroffenen selbst. Nicht selten endet die permanente Überforderung, die mit keinerlei sozialer Anerkennung verbunden ist, in totaler Verausgabung - Erschöpfungsdepression lautet dann die Diagnose.


Kämpfen um Pflegegeld


Denn Angehörige haben längst nicht nur die Pflege zu bewältigen, sondern sind auch mit vielen bürokratischen Hürden im Kampf um das Pflegegeld konfrontiert. In einem umfassenden Serviceteil bietet das Buch einen Leitfaden und listet alle relevanten Anlaufstellen und Unterstützungsinstitutionen auf. Als "soziales Niemandsland" bezeichnete Elisabeth Radler den Zustand, Pflegende zu sein. Mit Unterstützung einer Psychotherapeutin hat sie trotz der Belastungen wieder zu einem "halbwegs unbeschwerten Leben, in dem sie selbst wieder vorkommt", zurückgefunden.

Zutiefst persönliche Eindrücke


Das Besondere an diesem Buch sind die zutiefst persönlichen Eindrücke, die Angehörige von Alzheimerpatienten den Lesern gewähren: etwa die bittere Erfahrung, dass sich Freunde abwenden, weil der an Alzheimer erkrankte Partner die Stimmung verdirbt, oder die Erzählung eines Mannes, der beschreibt, wie sich die Persönlichkeit seiner hochbegabten Frau langsam auflöst. "Am Anfang hoffte ich noch auf Wunder, investierte Geld in Alternativmedizin, Bioenergetik und Akupunktur. Es war alles vergebens."


Schwere Entscheidungen


Schließlich entscheidet er, seine Frau in einem Heim unterzubringen. „Ist das nicht ein Akt des Verrats, das Band der Ehe zu zerreißen, auch wenn sie schon fast illusorisch war?" Seine Frau lebt, geblieben sind kurze Momente des Glücks. Zum Beispiel wenn sie lächelt. "Dieses Lächeln gilt manchmal mir und manchmal ihrer eigenen unsichtbaren Welt."

Nicht mehr so alleine gelassen


Die Psychiater Peter Dal-Bianco und Reinhold Schmidt haben ganz bewusst diese Form gewählt, damit Angehörige sich nicht mehr allein- gelassen fühlen. Durch die Schicksale anderer sollen sie unter anderem darin bestärkt werden, sich rechtzeitig Hilfe zu holen.
Der dritte Teil des Buches ist den medizinischen Aspekten der Erkrankung gewidmet. (auk, MEDSTANDARD, Printausgabe, 15.09.2008)

Buchtipp

Peter Dal-Bianco, Reinhold Schmidt

"Memories. Leben mit Alzheimer"

Verlagshaus der Ärzte 2008.

176 Seiten, 14,90 Euro

  • "Memories. Leben mit Alzheimer"
Peter Dal-Bianco, Reinhold Schmidt
Verlagshaus der Ärzte 2008.
176 Seiten, 14,90 Euro
 
    cover: verlagshaus der ärzte

    "Memories. Leben mit Alzheimer"

    Peter Dal-Bianco, Reinhold Schmidt

    Verlagshaus der Ärzte 2008.

    176 Seiten, 14,90 Euro

     

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