Bilder vom Vergessen

15. September 2008, 10:20
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Menschen, die an Alzheimer erkranken, verlieren ihr Gedächtnis, ihre Persönlichkeit und auch ihre Beziehungs-fähigkeit - Die Tragik dieses Vorganges inspiriert viele Filmemacher

Als Zuseher sucht man nach Erklärungen, wenn man sieht, was Alzheimer mit Menschen anstellt. "Alzheimerkranke verlieren ihre kognitiven Fähigkeiten in umgekehrter Reihenfolge, wie sie von Kindheit an erworben wurden", erklärt der Psychiater Georg Psota im eben auf DVD erscheinenden Film "Zurück zu einem unbekannten Anfang".

Äußerungen deuten lernen

In diesem 2007 realisierten Dokumentarfilm haben die Regisseure Helmut Wimmer und Maria Hoppe fünf Alzheimer-Kranke mit der Kamera begleitet. Der Film bietet Einblick in einen schwierigen Alltag für Betroffene und ihre Angehörigen gleichermaßen. Mit den Kommentaren des Psychiaters und anderer Fachexperten auf einer zweiten DVD fällt es leichter zu verstehen, was sich in den Kranken abspielt und wie man ihre Äußerungen deuten kann.

Trotz Verwirrtheit in Kontakt bleiben

Und genau das ist auch das Ziel des vom Österreichischen Institut für Validation (ÖIV) finanzierten Streifens. Man wollte Alzheimer verständlicher machen, wollte betroffenen Angehörigen die Methode der Validation näherbringen, einer in den USA entwickelten Kommunikationsform, um mit mangelhaft orientierten Menschen trotz ihrer Verwirrtheit in Kontakt zu bleiben.

Akzeptieren und nicht korrigieren wollen

Die Grundhaltung für Angehörige: akzeptieren und darauf verzichten, verändern oder korrigieren zu wollen. "Du bist ja länger verheiratet als ich", staunt der Altbauer in "Zurück zu einem unbekannten Anfang". Seine Frau, die um den Verlust seines Zeitgefühls weiß, fühlt sich durch die Worte ihres Mannes nicht irritiert. Denn ganz offensichtlich bringt er ihre und seine Biografie durcheinander, ein Umstand, der seine Frau dann manchmal sogar zum Lachen bringen kann.


Alzheimer im Film ist aber auch abseits von didaktischen Zielen überaus präsent. Denn Gedächtnisverfall legt die Strukturen einer Persönlichkeit offen und fördert die verborgene Anatomie von Beziehungen zutage.


Alzheimer als Liebesfilm


So etwa zu sehen im vielfach ausgezeichnete Spielfilm "An ihrer Seite" (Original: „Away from her") der kanadischen Regisseurin Sarah Polley basierend auf einer Erzählung der kanadischen Schriftstellerin Alice Munro. Es ist die Geschichte einer Liebesbeziehung (Julie Christie und Gordon Pinsent), die durch die Erkrankung der Ehefrau Fiona ihre Geschichte und damit ihr Fundament verliert. Fiona entscheidet sich für ein Leben im Pflegeheim, wo sie dann allerdings eine neue Liebe findet. "An ihrer Seite" als einen Film über Alzheimer zu bezeichnen wäre aber falsch, die Krankheit ist hier vielmehr eine Kulisse, vor der sich Fragen nach Liebe, Treue und Verlassenwerden auf eine ganz neue Weise darstellen.

Verfilmtes Leben der Schriftstellerin Iris Murdoch


Ebenfalls eine große Liebesgeschichte, aber mit einem ganz anderen Fokus, entstand 2001 unter der Regie des britischen Regisseurs Richard Eyre: "Iris" handelt vom Leben der großen englischen Schriftstellerin Iris Murdoch und ihrem langen, tragischen Ende. Basierend auf dem Buch "Elegy for Iris: A Memoir", das ihr Ehemann John Bayley nach ihrem Tod veröffentlichte, beschreibt der Film, wie die dominante, starke Iris (gespielt von Kate Winslet und Judi Dench) immer mehr auf ihren Mann angewiesen ist und sich Abhängigkeiten durch die Erkrankung ins Gegenteil verkehren.

Der Film spielt aber auch mit der bitteren Tatsache, dass gerade eine Frau, deren Leben von Sprache, Gedanken und Ideen geprägt war, sich plötzlich an den Teletubbies am allermeisten erfreuen kann.

"Der Tag, der in der Handtasche verschwand"


Völlig ohne große Gefühle kommt der Film der deutschen Regisseurin Marion Kainz aus. Ihr mit dem Grimme-Preis prämierter Dokumentarfilm "Der Tag, der in der Handtasche verschwand" begleitet eine an Alzheimer erkrankte Blumenbinderin durch den Alltag in einem Pflegeheim.


Innensicht


Kainz hat sich Zeit genommen, hat die Frau ein Jahr lang besucht und schafft es via Kamera, den Zusehern die Realität aus Sicht einer Betroffenen zu vermitteln. Denn trotz ihres verwirrten Zustandes kann die Frau manchmal sogar auch beschreiben, wie es in ihr aussieht: "Es geht etwas Unheimliches vor", flüstert sie einmal und ihre Augen blicken ängstlich. Das Pflegeheim mit seinen Gängen und Zimmern ist ihr fremd.

 

Sie will nach Hause und kann nicht begreifen, dass das Heim ihr neues Zuhause sein soll. Der Film erzählt ohne jede medizinische Erklärung über Alzheimer, Alter und unsere Gesellschaft, die mit dem Problemen, die diese Erkrankung mit sich bringt, in den nächsten Jahren immer stärker konfrontiert sein wird. (Sabina Auckenthaler, MEDSTANDARD, Printausgabe 15.09.2008)

Filmografie zu Alzheimer


"Zurück zu einem unbekannten Anfang" (DVD um 29 Euro),  Helmut Wimmer (2007)
"Iris", Richard Eyre (2001)
"An ihrer Seite" ("Away from her"), Sarah Polley (2006)
"Der Tag, der in der Handtasche verschwand", Marion Kainz (2000)
"Wie ein einziger Tag" "„The Notebook"), Nick Cassavetes (2004)
"Mein Vater", Andreas Kleinert (2006)

  • Filmszene aus der gerade  erscheinenden DVD "Zurück zu einem unbekannten Anfang
    foto: helmut wimmer

    Filmszene aus der gerade  erscheinenden DVD "Zurück zu einem unbekannten Anfang

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