Börsen-Absturz nach US-Bankenpleite

15. September 2008, 17:34
770 Postings

Die US-Investmentbank Lehman Brothers stellt Konkursantrag, Merrill Lynch wird verkauft. Die Zentralbanken reagieren mit Liquiditätsspritzen

New York/Frankfurt - Die Welle an Bankenzusammenbrüchen in den USA hat am Montag die Aktienmärkte in Europa und den USA erschüttert. Die Wiener Börse verlor zeitweise mehr als fünf Prozent, reduzierte das Minus aber bis Handelsschluss auf minus 3,6 Prozent. Der Dax schloss mit minus 2,98 Prozent. Auch an anderen europäischen Aktienmärkten und in New York rutschten die Kurse.

Ausschlaggebend für die neuerliche Schwäche war der Zusammenbruch von Lehman Brothers - die Investmentbank meldete in der Nacht auf Montag Insolvenz an. Das Institut hat auch für zahlreiche Versicherungsprodukte in Österreich als Garantiegeber fungiert. Überdies wurde Merrill Lynch, die Nummer drei unter den US-Investmentbanken, völlig überraschend an die Bank of America verkauft. Dem größten Versicherungskonzern, AIG, droht ebenfalls Ungemach - er hat die US-Notenbank um frische Mittel in Höhe von 40 Milliarden Dollar ersucht.

Notenbank und Regierung in den USA sind auf einen restriktiveren Kurs umgeschwenkt und haben bei Lehman keine Hilfen offeriert. Der frühere US-Notenbankchef Alan Greenspan wertete die Krise als Jahrhundert-Ereignis: "Eine solche Krise kommt nur alle 50 bis 100 Jahre einmal vor" , sagte er, er erwarte weitere Bankenzusammenbrüche. Man solle "nicht versuchen, jedes einzelne Institut zu schützen" . Am Abend verlautete aus US-Regierungskreisen, dass das US-Repräsentantenhaus ein weiteres, rund 50 Milliarden Dollar schweres Paket zur Ankurbelung der Wirtschaft plane.

Interveniert haben die Notenbanken rund um den Globus. Allein die Europäische Zentralbank pumpte 30 Milliarden Euro zur Sicherung der Liquidität in den Geldmarkt. (red)

*****

Zwei weitere Dominosteine sind mit lautem Krach gefallen. Die Investmentbank Lehman Brothers ist insolvent, der Mitbewerber Merrill Lynch wird verkauft. Damit bleiben nur noch zwei unabhängige Investmenthäuser übrig: Morgan Stanley und Goldman Sachs.

Die Kurse der Investmentbanken sind seit Monaten auf Talfahrt. Seit Jahresbeginn hat die Aktie von Lehman Brothers über 92 Prozent verloren, Merrill Lynch büßte nach starken Verlusten am Freitag insgesamt 67,7 Prozent ein. Ein schwarzer Montag für die Investmentbanken. Das Geschäftsmodell des unabhängigen Investmentbanking sei inmitten der jüngsten Tumulte gestorben. Ökonom Nouriel Roubini meinte, dass "das Bankendesaster nur noch schlimmer werden wird". Auch für die zwei übrigen Investmenthäuser sehe er schwarz. "Ich glaube, dass nicht einmal Morgan Stanley und Goldman Sachs unabhängig bleiben können," so Roubini zu Bloomberg TV.

Im März hatte es die fünftgrößte Investmentbank, Bear Stearns, getroffen, die zu einem Spottpreis von JPMorgan Chase geschluckt wurde. Die viertgrößte Investmentbank, Lehman Brothers, ist seit der Nacht auf Montag insolvent und die Nummer drei, Merrill Lynch, wird um 50 Milliarden Dollar von der Bank of America aufgekauft.

Die Details der Deals, die am Wochenende in New York ausgehandelt wurden, zeigen, woran es im Bankensektor derzeit mangelt:Vertrauen und Geld. Lehman Brothers hat trotz intensiver Verhandlungen sowohl mit anderen Geldinstituten als auch mit der Notenbank Fed kein frisches Kapital bekommen.

Auch Österreich betroffen

Die US-Regierung war sichtlich nicht bereit, nach der Verstaatlichung der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac noch mehr Geld in die Hand zu nehmen. Und ohne staatliche Garantien wollte sich keine Bank die Finger verbrennen. Die panikartige Flucht nach vorne hat indes Merrill Lynch angetreten. Ihr Chef, John Thain, hat die Investmentbank am Wochenende rasch mit frischem Kapital versorgen müssen und die Bank of America, die eigentlich als Lehman-Käufer im Spiel war, auf seine Seite gezogen.

Die Finanzkrise kennt derzeit keine Grenzen. Auch in Österreich beschäftigt die Pleite von Lehman Brothers Anleger und auch Kunden der heimischen Versicherer Generali, Wüstenrot und Allianz. Denn bei zahlreichen Garantieversicherungen hat Lehman als Garantiegeber fungiert.Allein bei der Generali haben rund 2000 Kunden das Einmalerlag-Produkt "Premium Edition 168" gekauft. Das Volumen der Tranche beträgt laut einer Generali-Sprecherin rund 40 Millionen Euro. Für die Kunden bestehe "kein Handlungsbedarf", sagte Generali-Österreich-Chef Luciano Cirina. Ebenfalls beruhigt hat die Wüstenrot-Versicherungs AG, man werde die Lage prüfen, die "Interessen der Kunden jedenfalls zu 100 Prozent wahren" , heißt es.

In den USA wankt auch die größte Sparkasse des Landes, Washington Mutual, und der weltweit größte Versicherungskonzern, America International Group (AIG). Nicht nur, dass AIG wegen des Kurssturzes anhand der Börsenkapitalisierung von der Allianz als Nummer eins der Branche abgelöst wurde, auch eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit steht ins Haus. Wenn die Ratingagenturen den Versicherer wirklich downgraden, würde AIG nur 48 bis 72 Stunden überleben, so ein Insider zur New York Times. AIG versucht daher fieberhaft, eine Kapitalerhöhung auf die Beine zu stellen. Zehn bis zwanzig Milliarden Dollar sollen dabei aus den gut gefüllten Kassen von Private-Equity-Gruppen wie Kohlberg Kravis Roberts, TPG und JC Flowers kommen. Doch das dürfte wohl nicht reichen. Der Versicherer hat auch die US-Notenbank um eine Kapitalspritze gebeten: 40 Milliarden Dollar Liquidität möge die Fed zur Verfügung stellen.

Die Krise um die Geldhäuser Lehman und AIG hat auch die übrigen Bankentitel am Montag stark unter Druck gesetzt. Der Versicherer und die Investmentbank sind für viele Marktteilnehmer wichtige Vertragspartner. Vor allem bei einigen Kreditderivaten, die den Käufer vor dem Risiko einer Unternehmenspleite schützen sollen, haben AIG und Lehman starke Marktpositionen. Werden diese nicht mehr getilgt, dürften viele Finanzunternehmen herbe Ausfälle erleiden.

Die dramatischen Ereignisse riefen weltweit Notenbanken und Finanzaufsichtsbehörden auf den Plan. Die deutsche Finanzaufsicht (BaFin) hat weitere Geschäfte eines deutschen Lehman-Tochterunternehmens blockiert. Gegenüber der Bank sei ein Veräußerungs- und Zahlungsverbot erlassen worden, teilte die BaFin mit.

An den Geldmärkten verschärfte sich wegen des Tumultes um Lehman das Misstrauen zwischen den einzelnen Banken. Am europäischen Markt sind etwa die Zinsen am Montag auf über 4,5 Prozent angestiegen, nachdem sie am Freitag noch bei 4,26 Prozent gelegen hatten. "Die Märkte sind total durcheinander. Das Vertrauen der Banken untereinander ist gestört, und sie borgen einander kein Geld mehr" , sagte ein Händler.

Deshalb haben zehn große Geldinstitute wie Deutsche Bank und Schweizer UBS zusammen einen Hilfsfonds geschnürt. Das 50 Milliarden Euro schwere Stützungspaket soll die Bankenkrise in "dieser außergewöhnlichen Zeit" abmildern.

Neue Milliardenspritzen

Die Zentralbanken weltweit versuchten am Montag die Märkte zu beruhigen. Allein die Europäische Zentralbank (EZB) injizierte am Montag zusätzliche 30 Milliarden Euro in den europäischen Geldmarkt, um den Bedarf der Banken zu decken. Auch die Schweizer Notenbank und die Bank of England haben die Märkte mit zusätzlicher Liquidität versorgt.

Auch die US-Notenbank hat eine Reihe von Initiativen zur Unterstützung der Finanzmärkte angekündigt. Notenbank-Chef Ben Bernanke meinte, damit sollten die "potenziellen Risiken und Störungen der Märkte" abgeschwächt werden. So können Banken in den USA ab sofort auch Aktien bei der Notenbank als Sicherheiten hinterlegen. Auch in Asien mussten Notenbanken aktiv werden. Zuvor hatte die Fed schon gebündelte Ramschkredite als Besicherung akzeptiert. Die Bank of China senkte überraschend den Leitzinssatz um 0,27 Prozent auf 7,2 Prozent.

Doch die Notfallaktionen verpufften an den Märkten. In Europa brachen die Aktienkurse ein, in Wien betrug das Minus tagsüber mehr als fünf Prozent, zu Börsenschluss hat sich der ATX dann mit einem Minus von 3,65 Prozent aus dem Markt verabschiedet.

US-Präsident George Bush setzte auf Beruhigung. Er sei zuversichtlich, dass die Kapitalmärkte die Krise "auf lange Sicht" meistern und verkraften können, wenn auch "die Anpassungen kurzfristig schmerzhaft sein mögen" , meinte er am Montag. Auch US-Wirtschaftsnobelpreisträger, Joseph Stiglitz, glaubt nicht an eine "echte Krise, bei der eine große Zahl von Finanzinstituten pleitegeht" . Wahrscheinlich sei aber, dass die Krise weltweit zu einer "starken Verlangsamung der Konjunktur" führen werde. (Georg Szalai und Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe,16.9.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.