Ist das überhaupt tragbar?

15. September 2008, 09:09
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Die Modeschauen in New York eröffnen alljährlich den Reigen der herbstlichen Defilees - Sie werden heuer von einer schwierigen Wirtschaftslage überschattet

Marc Jacobs oder die Designer von Rodarte gaben sich unbeeindruckt.

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In einer düsteren Straße am Hudson, fernab von den Zelten am Bryant Park, wo in den vergangenen acht Tagen die Mehrzahl der Kollektionen gezeigt wurden, hat Miguel Adrover seine Zelte aufgeschlagen. Der Designer ist aus Mallorca nach New York zurückgekehrt: Mit einer Modeschau, auf der weder Models laufen noch tragbare Mode gezeigt wird. Stattdessen: Kunst mit Mode. Adrover will es noch einmal wissen. Zu Beginn des Jahrzehnts war er der Liebling der New Yorker Modeszene, er zeigte Recycling-Mode und vom Orient inspirierte Kreationen. Ein moderner Prinz aus Arabien. Dann kam 9/11, und Adrover wurde fallengelassen. Jetzt weht ein wärmerer Wind vom Hudson herüber.

Obwohl alle Vorausschauen düster sind: Die Mode, die in den vergangenen Tagen in New York gezeigt wurde, kommt nächsten März in die Geschäfte. Also zu einem Zeitpunkt, für den die amerikanischen Wirtschaftsforscher einen konjunkturellen Tiefpunkt prophezeien. In den vergangenen Jahren wuchs die amerikanische Textilbranche jeweils um etwa zehn Prozent, 2008 sollen es nur fünf werden. Der schwache Dollar nährt anderseits viele Hoffnungen: Für amerikanische Einkäufer sind heimische Designer günstiger zu haben, für europäische amerikanische. Nach Jahren der Absenz sind in dieser Saison viele Händler aus Übersee nach New York zurückgekehrt.

Sie sind vorwiegend an den neuen Designkräften interessiert, an Leuten wie Adrover, also jenen, die sich aus der Masse der immergleichen Flatter-Kleidchen und Rüschen-Röckchen abheben. Das Einerlei grauer Kommerzmode macht den Großteil der in New York gezeigten Kollektionen aus. Die Sehnsucht nach dem Herausragenden, Ungewöhnlichen ist groß. "Wer wird der nächste große Star?", fragte die New York Times scheinheilig vor Beginn der Schauen - nur um anschließend die Celebrity-Besessenheit der Modeszene durch den Kakao zu ziehen. Am Ende steht fest: Es gibt zwei Stars. Einen alten und einen neuen.

Fangen wir mit dem neuen an, oder besser den zwei neuen: Kate und Laura Mulleavy, ein Geschwisterpaar aus Kalifornien, stiegen in den vergangenen drei Jahren mit ihrem Label Rodarte zu einem der meistbeachteten Newcomer auf. Und das, ohne die in den USA so wichtige Celebrity-Schiene zu bedienen.

Bei ihrer ersten Schau streiften sie 30 Puppen Papierkleider über. Auch in der Verarbeitung ihrer zarten, mit Chiffon, Federn oder Organza spielenden Kleider unterschieden sie sich von der Konkurrenz. Verarbeitet wie Haute Couture schaffte es ein gelbes Chiffon-Abendkleid aus ihrer dritten Kollektion bereits in die Kostümsammlung des Metropolitan Museum.

Gleichzeitig hatte Rodarte von Beginn an einen intellektuellen Anspruch: Gut ist das in ihrer neuen Kollektion zu sehen. Leicht und verspielt ist sie, und von Land Art und den Farben des Künstlers Olafur Eliasson beeinflusst. Bandagierte Kleider, perforierte Oberteile zu futuristischen Strümpfen, Netztops zu plissierten Lederröcken oder Gewänder wie von einer griechischen Göttin entwerfen das Bild einer postapokalyptischen Kriegerin, die Wert auf ihre weiblichen Seiten legt. Womit weniger eine ausgestellte Sexyness als der Umgang mit weiblichen Formen gemeint ist. Oder anders gesagt: Bye, bye Paris Hilton.

Jacobs 30er-Jahre-Silhouette

Ob jetzt allerdings Mary Poppins kommt, wie manche Modekritiker angesichts der Schau von Marc Jacobs rätselten, wollen wir dahingestellt lassen. Fakt ist: Jacobs ist weiterhin der unangefochtene Star der New Yorker Laufstege, in dieser Saison mehr denn je. Er hat eine von den Silhouetten der 30er und 40er inspirierte Kollektion entworfen, mit Ethno-Elementen aus der Zeit des Goldrush und flachen Hüten von Stephen Jones. Blumenmuster schimmern metallisch, Tuniken werden mit Turbanen kombiniert. So uneinheitlich die einzelnen Elemente, um so größer Jacobs Kraft, sie in eine gemeinsame, markante Form zu zwingen.

Die Suche nach Letzterem scheint derzeit der kleinste gemeinsame Nenner in einer insgesamt ziemlich ratlosen Modeszene zu sein. Es ist eine Zeit der Unsicherheit und des Übergangs, nicht nur in ökonomischer Hinsicht. Während auf der einen Seite das Experiment mit Volumen und neuen Silhouetten weitergetrieben wird (am besten zu sehen in Francisco Costas Kollektion für Calvin Klein), andere sich auf ihren edlen Lorbeeren drapieren (der gelassen meisterhafte Oscar de la Renta), versuchen sich wieder andere in einer der ureigensten Disziplinen amerikanischer Mode: Der Integration von Sportelementen in die Alltagsgarderobe.

Die Weiten der 80er

Die beiden Jungs von Proenza Schouler (auch sie Lieblinge der US-Szene) setzen dabei auf Overalls, mit denen sie die Weiten der 80er neu erkunden, auf kurze Ledertops oder Blusen mit Nylon-Einsätzen. Diesel, die zum zweiten Mal ihre neue High-End-Linie Diesel Black Gold zeigten, stellen einen ausgewaschenen, mit Farbklecksen versehenen Jeans-Look vor.

Den genau umgekehrten Weg geht dagegen Lacoste. Für die Marke mit den Wurzeln im Tennissport hat Designer Christopher Lemaire in den vergangenen Jahren einen eigenen, zwar sportlichen, aber sehr alltagstauglichen Stil entwickelt. Europäische Marken wie Lacoste, Miss Sixty oder Y-3 zeigen in New York, weil sie damit Zugang zum weltweit größten Bekleidungsmarkt haben.

Und Miguel Adrover? Bis er wieder Mode unter eigenem Namen zeigt, werden wohl noch ein, zwei Saisonen vergehen. Diesmal lieh er sein Können dem deutschen Öko-Versandhaus Hess Natur. Auch sie wollen Amerika erobern. Adrovers Modeinstallation war da schon einmal ein interessanter Anfang. Nicht jede Mode muss tragbar sein. Aber sie muss neugierig machen. (Stephan Hilpold/Der Standard, Printausgabe 13./14.09.2008)

  • Ist das die Pose des kommenden Frühjahrs? Die Designerin Betsey Johnson stylt ein kurzes bauschiges Jäckchen samt Spitzenhandschuhen dazu.
    Foto: AP

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  • Die überzeugendsten Laufstegauftritte lieferten Marc Jacobs ...
    Foto: EPA/AP

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  • ... und Rodarte
    Foto: EPA/AP

    ... und Rodarte

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