Strafe fürs Nettsein

14. September 2008, 20:49
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Das Lokal war noch zu - aber der Kellner brachte mir trotzdem einen Kaffee. Und das war ein Fehler

 

Es war am Donnerstag. Da hatte der freundliche Kellner dann fast ein Problem. Weil die anderen Leute im Gastgarten sich schlecht behandelt fühlten. Meinetwegen. Zumindest teilweise. Und das nur, weil ich zu früh zu einem Termin gekommen war.

Es war im Museumsquartier. Und eigentlich hatte E. ja ohnehin gemeint, dass wir uns in der Halle treffen sollten. Aber weil wir uns zum Frühstück verabredet hatten und weder E. noch ich dafür bis Mittag Zeit haben, disponierten wir um: Die Halle sperrt erst um zehn Uhr auf. So wie alle Lokale im MQ. Mit Ausnahme des Daily: Dort gibt es schon um neun und guten Kaffee (u.a. weil die dort - im Gegensatz zu anderen Hütten - den ersten Maschinendurchlauf wohl nicht dem Gast zumuten. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Anstreicher

Das wissen nicht nur E. und ich, sondern auch etliche andere Leute. Und so war ich, als ich 20 Minuten zu früh antrabte, nicht der erste Gast im Schanigarten: Zwei junge Männer in Anstreicher-Hosen saßen bereits vor ihren Teetassen, rauchten und erzählten einander (und dem Rest des Hofes) Aufrissgeschichten, die für unfreiwillige Zeugen fünf Minuten, für die beiden Buben aber ganztägig lustig waren. Das dürfte eine Altersfrage sein.

Ich saß keine zwei Minuten, als der Keller auftauchte: Man habe noch geschlossen, bedauerte er. So, als wäre es seine Schuld, dass ich 20 Minuten vor dem Öffnen da saß. Ich zuckte mit den Schultern: kein Problem. Er aber legte die Stirn in Falten: Vielleicht ja doch - weil das Lokal heute ausnahmsweise erst um zehn öffne. Irgendwas Mitarbeiter-Internes. Dabei zeigte er auf einen Zettel an der Tür - den ich natürlich übersehen hatte.

Sitzenbleiber

E. gehört zu jenen vernünftigen Menschen, die ihr Handy über Nacht ausgeschalten lassen. Weil ich heute sein erster Termin war, wusste ich, dass es sinnlos wäre, ihn jetzt anzurufen: Er würde die Botschaft erst hören, wenn er hier wäre. Darum fragte ich den Kellner, ob es ok, wäre, wenn ich trotzdem sitzen bliebe - um neun käme ein Freund, und dann würden wir das Weite suchen. Der Kellner nickte: Klar, überhaupt kein Problem. Natürlich könne ich sitzen bleiben.

Eine Minute später stand er wieder da: Das Meeting habe noch nicht begonnen. Die Kaffeemaschine sei aber schon an. Er könne mir rasch einen Kaffee bringen. Weil das das Warten doch angenehmer mache. Ich sagte danke und ja. Nebenan tranken die Malerbuben immer noch Tee (was mich angesichts ihres Alters und ihres Zigarettenkonsums einigermaßen wunderte) und sprachen über Mädchen.

Voller Garten

E. verspätete sich. Aber auch wenn er pünktlich gekommen wäre, hätte das wenig geändert: Denn knapp vor neun Uhr beginnt das MQ zu leben. Und ob es der sonnige Spätsommermorgen, der Kaffeegeruch, die lustigen Maler oder die Mischung aus alldem war, kann ich nicht sagen. Jedenfalls waren dann, fünf Minuten vor neun fast ein Drittel der Tische besetzt.

Alle warteten geduldig: Auf den Tischen gab es Karten. In denen stand, dass das Lokal erst in einigen Minuten offen haben würde. Dass da kein Kellner zu sehen war, war also schlüssig - und dass da ein paar Gäste wohl beim Tische-Herrichten schon bedient worden waren, sprach ja nur für die Freundlichkeit und das Service hier. Den kleinen Zettel an der Tür sah niemand. Und weder die Malerbuben noch ich kamen auf die (im Nachhinein natürlich nahe liegende Idee), auf ihn aufmerksam zu machen.

Grant

E. kam dann um zehn nach Neun. Ich hatte mich in eine Zeitung vergraben und die Umwelt ausgeblendet. Aber E. fragte sofort, wieso die Leute hier denn alle so unruhig wären. Tatsächlich saßen da gut fünfzehn Leute an ihren Tischen - und blickten gespannt bis verärgert dorthin, woher jetzt doch endlich/irgendwann ein Kellner kommen müsste. Denn offen - die Blicke auf meine Tasse waren teils schon fast feindselig - hatte das Lokal ja. Aber natürlich wollte keiner derjenige sein, der als erster aufsteht und ins Lokal fragen geht: In Wien wartet man lieber - damit sich das Grantigsein dann auch auszahlt.

Ich sagte E., dass er hier nichts bekäme und wir woanders hin gehen müssten. Dann ging ich ins Lokal um zu zahlen. Drin saß die gesamte Belegschaft beim Meeting. Von dort, wo sie saßen, kann man den Garten nicht sehen. Der freundliche Kellner sprang auf, kassierte und wollte sich wieder setzen - aber ich hielt ihn auf: Da draußen, sagte ich, säßen etwa 20 Leute. Und warteten.

Gemeinheit

Der Kellner schluckte - und sprang ins kalte Wasser: Mit freundlich-bedauerndem Gesicht eilte er von Tisch zu Tisch. Die Gäste waren enttäuscht. Und ein Pärchen ging dann neben E. und mir Richtung Mariahilfer Straße. Die beiden redeten sich regelrecht in Rage: Wieso hätten die Maler und ich etwas bekommen? Das sei unerhört. Ganz schlechtes Service. Eine Gemeinheit. Günstlingswirtschaft. Eine Frozzelei. Und dem Kellner, das habe man in seinen Augen gesehen, habe es ja wohl Spaß gemacht, ihnen den Morgen zu verderben.

Ich sah E. an: Nur gut, dass der nette Kellner diese Tirade nicht hören kann, sagte ich. Aber E. schüttelte den Kopf: Falsch, ganz falsch, antwortete er. Denn so, meinte E, er hoffe sehr, dass der freundliche Kellner all das noch mitbekommen habe - das wäre ein wichtige Lektion gelernt: Freundlichkeit, dozierte E., zahlt sich nicht aus. Nie. Nicht in Wien. Und schon gar nicht im Service. Weil irgendwer immer - oder erst recht - beleidigt ist.

Ich beschloss, dass E. Unrecht hat. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 15. September 2008)

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