HDTV: "Kerner und Karlich werden auch nicht schöner"

14. September 2008, 19:38
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Experten beklagen bei Salzburger Medientag die schleppende Einführung von hoch auflösendem Fernsehen - Konsumenten sehen wenig Nutzen, Programmanbieter fürchten steigende Kosten - Red Bull setzt auf 3D-Bilder

Salzburg - "In Wahrheit ist das Ganze nur ein Rüstungswettlauf", sagt Andreas Kunigk von der Rundfunk- und Telekom-Regulierungsbehörde RTR. Gemeint ist die Einführung hoch auflösender Fernsehbilder (High Definition Television, HDTV) mit bis zu zwei Millionen statt der bisherigen 400.000 Bildpunkte. Programmanbieter befürchten höhere Kosten, Konsumenten fragen sich nach dem Nutzen - die anfängliche Euphorie für HDTV ist mittlerweile stark abgekühlt, wie sich auch am Salzburger Medientag am 12. September zeigte.

120.000 HD-Boxen in Österreich

Während Schätzungen zufolge in Österreichs Haushalten bereits etwa eine Million HD-fähige Fernseher stehen, liegt die Zahl der entsprechenden Receiver deutlich niedriger: Beim ORF geht man von etwa 120.000 solcher Boxen aus, sagt Günter Pateisky von der technischen Direktion - Antennen-, Kabel- und Satellitenfernseh-Haushalte zusammengerechnet. Umfragen zufolge haben etwa 55 Prozent der Österreicher bereits von HDTV gehört, berichtet Kunigk - nur etwa die Hälfte dieser 55 Prozent wissen aber, dass sie auch einen Receiver brauchen, um hoch auflösende Bilder empfangen zu können.

„Leidensdruck" nimmt ab

„Man muss sich beeilen, um die Konsumenten noch zu erreichen", sagt Kunigk. Die sähen nämlich kaum einen Nutzen in HD-Receivern, solange abseits des Bezahlfernsehens kaum Programm in High Definition ausgestrahlt werde. Auch der „Leidensdruck" bei Flachbildschirm-Besitzern habe wieder abgenommen - die Hersteller haben die Screens inzwischen so weit verbessert, dass sie auch für Bilder in herkömmlicher Auflösung (Standard Definition, SD) optimiert sind.

Werbung bringt in HD „keinen Cent mehr"

Bei einem Großteil des heutigen Fernsehprogramms stelle sich ohnehin die Frage, was eine höhere Bildqualität bringen soll, sagt Kunigk: „Kerner, Karlich und Co. werden dadurch auch nicht schöner. Bei diesen Inhalten kommt es nicht wirklich auf ein Top-Bild an." Der Nutzen sei auch aus Sicht der Programmanbieter fragwürdig: „Die Werbewirtschaft wird für eine Spot-Ausstrahlung in HD keinen Cent mehr bezahlen."

„Die Kunden sind überfordert"

Ins selbe Horn stößt Herbert Stranzinger vom Kabelnetzbetreiber Salzburg AG, der seit Juni auch HDTV via Kabel anbietet: „Die Kunden sind überfordert." Es reiche eben nicht, nur einen HD-fähigen Fernseher und einen entsprechenden Receiver zu haben, es brauche auch ein spezielles Kabel - und am Ende komme dann doch fast ausschließlich herkömmliches Programm heraus, weil kaum in HD gesendet werde. Österreichs Kabelnetzbetreiber hätten zwischen drei und maximal fünf HD-Sender im Programmangebot, von denen mindestens zwei verschlüsselt seien. Bei den Kunden beschränke sich das Interesse an HDTV fast ausschließlich auf das Segment technikinteressierter Männer zwischen 45 und 65 Jahren.

Kulissen, Kostüme und Maske teurer

Auf der anderen Seite befürchtet Dietrich Sauter vom Institut für Rundfunktechnik in München deutlich höhere Kosten für Produktionen in HD: Bei Theater- oder Opernaufzeichnungen etwa würden kleinste Staubkörner, Fältchen, Schweißperlen oder Fingerabdrücke auf glatten Oberflächen plötzlich sichtbar: „Im Hintergrund da mal Kulissen zu machen, die etwas schlechter ausschauen, ist nicht mehr möglich. Und die Kostüme der Komparsen müssen genauso gut sein wie die der Primadonna." Auch die Aufenthaltszeit der Schauspieler in der Maske werde sich mindestens verdoppeln: „Die derzeitigen Schminktechniken sind dann überhaupt nicht mehr zu gebrauchen."

ORF nimmt nicht „jeden Schmarrn" in HD

Der ORF will dennoch nach den Erfahrungen bei der Fußball-Europameisterschaft im Juni verstärkt auf HD setzen, sagt Günter Pateisky: Die Technik soll für ausgewählte Eigenproduktionen eingesetzt werden, und auch bei Übernahmen will man am Küniglberg nach Möglichkeit HD bevorzugen. Die Kosten seien durchaus verkraftbar, meint Pateisky: Die Tour de France habe etwa in HD pro Tag um 2000 Euro mehr gekostet, das sei „nicht die Welt". „Jeden Schmarrn" will Pateisky aber dennoch nicht in hoher Auflösung zukaufen; man wolle sich auf „Blockbuster und Top-Serien" wie etwa „Dr House" konzentrieren.

Red Bull will hoch auflösendes 3D

Pateiskys früherer Vorgesetzter Andreas Gall, mittlerweile Technikchef im Medienhaus von Red Bull, sieht durch die HD-Technologie neue Chancen für Fernsehen in drei Dimensionen. Der Aufwand, eine zweite Kamera bei den Aufnahmen einzusetzen, sei gering, die Ergebnisse überzeugend. Auch Hollywood habe mittlerweile begonnen, in 3D zu produzieren: „Dass wir die dritte Dimension irgendwann erwarten, ist so sicher wie das Amen im Gebet."

Bei Red Bull sei man im Moment dabei, die Archive mit Filmmaterial in hoch auflösendem 3D zu füllen, etwa mit Aufnahmen von Red-Bull-Events und -Sportlern oder mit Bildern des konzerneigenen Regionalsenders Salzburg TV. Wann das viel erwartete Red Bull TV kommt, wollte Gall nicht verraten: „Darüber redet man nicht. Aber wir sind kräftig am Hackeln."

„Unsinnige Henne-Ei-Diskussion"

Zu mehr Eile bei der Umstellung von Programmen rät Andreas Kunigk von der RTR: „Was vor allem beendet werden muss, ist diese unsinnige Henne-Ei-Diskussion, die wir bei jeder technischen Neuerung haben. Wir hätten niemals Farbfernseher verkauft, wenn die Rundfunkveranstalter nicht vorher Farbprogramme angeboten hätten." (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 14.9.2008)

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