Verlegenes Lächeln auf dem Weg zur Hölle

14. September 2008, 18:36
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Linzer Landestheater: Rotierende "Elementarteilchen"

Linz - Zwei Stunden lang dreht sich auf der Bühne der Linzer Kammerspiele ein offener Kunststoffzylinder. Er spült hin und wieder mehr oder weniger attraktiv entblößte Männlein und Weiblein an die Rampe, wo diese in einer Mischung aus sachlichem Wissenschaftston und ausgekotzter Lebenslangeweile vor allem eines detailreich nachstellen und zu Gehör bringen: wie sie sich und ihrem jeweiligen Sexualpartner ein orgiastischen Feuerwerk bereiten. Und zwar ohne Anflüge störender Emotionen und ähnlicher menschlicher Regungen.

Bühnenplastiker Stefan Heyne hat für den dramatisierten Text aus Michel Houellebecqs gelobtem wie gescholtenem Roman "Elementarteilchen" ein sprechendes Bild, eigentlich die Hauptattraktion des quälenden Abends, gefunden.

Humanvernichtung

Eine Art Zeitlupen-Zentrifuge für das zelebrierend durchgeblätterte Kamasutra der Gleichgültigkeit und Humanvernichtung, dessen Prosaform dem scheuen französischen Autor Weltberühmtheit und Berüchtigtheit eingetragen hat.

Übersetzer und Regisseur André Turnheim musste sich bewusst sein, dass eine Bühnenumsetzung der Geschlechtsaktsvollzugsprotokolle samt herumdrapierter pseudowissenschaftlicher Statements zu Mathematik, Religion, Kulturdifferenzen und Geschichtstheorie nicht viel mehr hergeben kann als überdehnte Hörspielstrukturen und unfreiwillige Komik.

Houellebecqs Roman aus dem Jahr 1998 verkündet die Beendigung aller Wertvorstellungen durch die drohende Realutopie unbegrenzter Reproduzierbarkeit alles Physischen. Diese auch politisch immer mehr abgesicherte Lieblingsidee avantgardistischer Biotechnologie nähert alles Menschliche der sinnfreien Bewegung kosmischer Bausteine an, deren Fäden keinerlei metaphysische Gestalt mehr zieht.

Apokalyptischer Blick

Die Kälte dieses apokalyptischen Blicks auf Eros und Tod muss langsam erlesen werden und sperrt sich gegen die schnelle Anschauung.

So selbstbeherrscht und cool Daniel Doujenis, Georg Bonn, Silvia Glogner, Gunda Schanderer und Isabella Szendzielorz ihre koitalen und letalen Dossiers auch ins Mikro hauchen - die erwarteten Schockwellen dieser Sezierungen alles bisher Gültigen bleiben leider aus.

Schlimmer noch: Verlegenes Gelächter begleitet den Höllentrip. (Anton Gugg/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 9. 2008)

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