"Wild-West-Kapitalismus ist übertrieben"

16. September 2008, 16:52
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Ölpreis und Georgien- Krise drückten kräftig auf den russischen Aktien­markt, Fondsmanager Frank Joachim übt sich im Interview in Zuversicht und sieht Probleme mit Corporate Governance

Angesichts der Turbulenzen an der russischen Börse hat Präsident Dmitri Medwedew jüngst seinem Land eine Finanzmarktreform verordnet. Moskau solle zu einem regionalen Finanzzentrum mit klaren Regeln und einer modernen Infrastruktur werden, sagte Medwedew vergangene Woche im Kreml vor hochrangigen Regierungs- und Bankenvertretern. Ausländische Investoren sollten mit attraktiven Konditionen angezogen werden. Ein entsprechendes Gesetzespaket solle bis Ende 2009 eingebracht werden.

In Russland gehandelte Aktien haben seit Mai rund 40 Prozent an Wert eingebüßt. Ministerpräsident Wladimir Putin erklärte kurze Zeit später, die Turbulenzen auf dem russischen Aktienmarkt seien auf die weltweite Kreditkrise zurückzuführen und nicht auf die Georgien-Misere. Tatsächlich hat die Krise die Situation noch einmal verschärft. Frank Joachim, Fondsmanager des HSBC GIF Emerging Europe, zeigt sich im Interview (das noch vor den aktuellen Entwicklungen in dieser Woche stattfand) zuversichtlich, dass Russland langfristig nichts an Attraktivität einbüßen wird.

***

derStandard.at: Der Aktienhandel in Moskau wird von großen gelisteten Ölkonzernen maßgeblich beeinflusst. Wie wirkt sich die Diskussion um einen erwünschten Ölausstieg in unseren Breiten aus?

Frank Joachim: Die russische Börse wird in der Tat sehr stark von den gelisteten Ölkonzernen beeinflusst. Allein der Anteil Gazproms an der Gesamtkapitalisierung aller russischen Werte im MSCI Russia beträgt über 30 Prozent. Natürlich würde sich daher ein Ausstieg der westlichen Volkswirtschaften auf alternative Energiequellen negativ auswirken. Die Frage ist nur: Ist ein solcher Ausstieg überhaupt machbar, und in wievielen Jahren wäre er möglich? Dabei gibt es durchaus einige Ansätze, wie man zumindest die Abhängigkeit vom Erdöl als Energieträger verringern kann. Zu nennen sind hier z.B. regenerative Energien wie Windkraft, Solar oder Biokraftstoffe. Festzustellen ist aber auch, dass die Energieerzeugung mit Hilfe dieser Techniken in fast allen Fällen noch zu teuer oder noch nicht ausgereift ist.

derStandard.at: Wir werden also nicht so schnell vom russischen Öl loskommen?

Joachim: Auf absehbare Zeit sehen wir alternative Energieträger nur als Ergänzung zu den herkömmlichen Energiequellen an, und glauben nicht, dass sich der "Westen" von russischem Öl und Gas so schnell "lossagen" kann.

derStandard.at: Was bewegt die Investoren?

Joachim: Kurzfristig sind Einflussfaktoren, wie die Ölpreisentwicklung, viel wichtiger für den Kurstrend an der russischen Börse. Der Rückschlag beim Ölpreis hat sich dementsprechend negativ auf russische Aktien ausgewirkt.

derStandard.at: Russland gerät immer wieder in den Geruch, "Wild-West-Kapitalismus" zu betreiben. Sollte das Anlegern Sorge machen?

Joachim: Der Begriff "Wildwest-Kapitalismus" im Zusammenhang mit Russland scheint mir übertrieben zu sein.

derStandard.at: Allerdings gibt es im Land zum Teil erhebliche Probleme....

Joachim: ...mit der Corporate Governance. Zu nennen wäre in diesem Zusammenhang der Konflikt um das Ölunternehmen TNK/BP, ein Joint Venture zwischen BP und einigen russischen Oligarchen, bei dem der Einfluss BPs auf die operative Geschäftstätigkeit inzwischen stark eingeschränkt worden ist. In der Diskussion stand zuletzt auch Mechel Steel, die einen Teil ihrer geförderten Steinkohle zu überhöhten Preisen auf dem Inlandsmarkt verkauft hat und dafür öffentlich gerügt wurde (mit empfindlichen Auswirkungen auf den Aktienkurs).

derStandard.at: Mit schöner Regelmäßigkeit tauchen Ängste auf, dass Öl- und Gaslieferungen plötzlich eingestellt werden könnten.

Joachim: Was die russischen Öl- und Gaslieferungen angeht, so sollte man bedenken, dass sich Russland in den letzten 50 Jahren stets als zuverlässiger Lieferant erwiesen hat, und dies zu Zeiten, in denen die Ost-West-Beziehungen noch wesentlich schlechter waren als heute. Russland ist auf Rohstoffeinnahmen angewiesen und wird sie unserer Meinung nach deshalb keinesfalls aussetzen.

derStandard.at: Und wie sieht es mit den Auswirkungen der Georgienkrise aus?

Joachim: Aufgrund des derzeit deutlich rückläufigen Ölpreises und der Georgien-Krise ist der russische Aktienmarkt in den vergangenen Wochen kräftig gefallen. Wir sind allerdings überzeugt davon, dass sich der politische Konflikt zwischen Russland und dem "Westen" wieder auflösen wird und die längerfristigen Aussichten für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sehr günstig bleiben.

derStandard.at: Für den FSCI Russia gab es einen kräftigen Abschlag...

Joachim: Den etwa 40-prozentigen Bewertungsabschlag des MSCI Russia gegenüber dem Stoxx50 (Anm.: zum Zeitpunkt des Interviews in der ersten Septemberwoche) erachten wir als übertrieben und sehen einen günstigen Zeitpunkt für einen Einstieg in den russischen Aktienmarkt gekommen. Insbesondere gilt dies für die Ölwerte, bei denen der Abstand zu westeuropäischen Vergleichsunternehmen besonders eklatant erscheint.

derStandard.at: Worauf liegt der Fokus beim HSBC GIF Emerging Europe Equity, und mit welchen Chancen für Anleger ist kurz- und mittelfristig zu rechnen?

Joachim: Es handelt sich um einen Regionenfonds, der im Wesentlichen in Russland, Polen, Tschechien, Ungarn und der Türkei anlegt. Bei der Aktienauswahl wird neben den üblichen fundamentalen Kriterien (Gewinnwachstum, Bewertung) besonders auf Corporate-Governance-Aspekte Wert gelegt.

derStandard.at: Was bedeutet das in der Praxis?

Joachim: Mittelgroße oder kleinere Unternehmen werden nur dann beigemischt, wenn sie definierten Qualitätskriterien (Berichterstattung, Interessenskonflikte etc.) entsprechen. Gerade in diesem nicht einfachen Aktienjahr hat sich diese Strategie als Erfolg versprechend erwiesen. Da die verschiedenen Branchen in den einzelnen Ländern eine teilweise recht unterschiedliche Entwicklung vollziehen, legen wir einen größeren Fokus auf Ländereinstufungen. Die relativ deutliche Untergewichtung des russischen Marktes im HGIF Emerging Europe Equity haben wir zuletzt zurück genommen und würden in eine Marktschwäche hinein weiter zukaufen. (Regina Bruckner, derStandard.at, 16.9.2008)

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Frank Joachim ist Fondsmanager des HSBC GIF Emerging Europe
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    Frank Joachim ist Fondsmanager des HSBC GIF Emerging Europe

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