Rechnungshof: ORF ineffizient, Anstalt sparte zuwenig

12. September 2008, 19:58
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56 Empfehlungen für Einsparungen sandte der Rechnungshof dem ORF - Er vermisst Strategie, effiziente Organisation, Umsetzung von Sparpaketen - Die Onlinedirektion sei unnötig - Mit ORF-Reaktion im Wortlaut

Gerade rechtzeitig zur Strategieklausur des Stiftungsrats am Samstag vermisst der Rohbericht des Rechnungshofs eine Gesamtstrategie des ORF und seiner Stiftungsräte. Die Anstalt bestätigt: "Tatsächlich gibt es seit mehr als 20 Jahren keine vom Stiftungsrat beschlossene Gesamtstrategie." Man arbeite daran - siehe Samstag. Und sonst?

  • Onlinedirektion Der Rechnungshof bezweifelt laut Küniglberg die "Sinnhaftigkeit" der Onlinedirektion. Die ORF-Spitze kommentiert das differenziert: Eine Abschaffung "am Beginn der Funktionsperiode Wrabetz", wäre "als falsches Signal an den Onlinemarkt gewertet worden".
  • Personalorganisation Laut ORF kritisiert der Rechnungshof zudem "teilweise ineffiziente Organisationsstrukturen" im ORF. "Hauptkritikpunkt" sei die Teilung der Personalagenden in Administration einerseits und Aus- und Fortbildung andererseits. Wie berichtet liegen die Betroffenen Führungskräfte gerade im Clinch.
  • TV-Produktion Der Rechnungshof kritisiert Finanzplanung und Abwicklung in der Produktion zwischen Programm und Technik. Der ORF verspricht Strukturänderungen. Kritik zudem: Dass produktionswirtschaftliche Leiter Programm und nicht Kaufmännischer  Direktion zugeordnet sind, beeinträchtigt das Controlling.
  • Gemeinsamer Newsroom Der Rechnungshof schlägt offenbar auch vor, Fernseh- und Radioredaktionen zusammenzulegen. Offizielle ORF-Antwort: "derzeit weder technologisch noch infrastrukturell ohne Weiteres möglich." Vor wenigen Monaten dachte ORF-Chef Alexander Wrabetz selbst laut über einen gemeinsamen Newsroom für TV, Radio und Online nach.
  • McKinsey Der Rechnungshof bemängelt, dass von den Sparvorschlägen der Unternehmensberater aus 2004 nur ein Teil umgesetzt ist (DER STANDARD berichtete). Die Prüfer sehen bis Ende 2007 52 Prozent erledigt, der ORF spricht von inzwischen 71 Prozent. Der ORF verspricht "deutlich über McKinsey hinaus gehende Strukturanpassungen".
  • Fürstliche Dienstverträge Die Prüfer bemängeln wie berichtet die teils über dem Marktniveau liegenden Personalkosten, insbesondere aus früheren Dienstverträgen. Diese Einzelverträge seien "kaum nach unten veränderbar", bedauert der ORF. Erst die Hälfte der 3500 ORF-Angestellten (ohne Töchter) werkt nach dem neuen, moderatesten Kollektivvertrag von 2003. ORF-Chef Alexander Wrabetz verhandelt über Angleichungen der fünf Dienstklasen bei Arbeitszeiten und Zulagen.

Wrabetz ließ verlauten: 24 der 56 Empfehlungen seien schon in Arbeit. (Harald Fidler/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.9.2008)

Weiter: ORF zu vier Kritikpunkten im Wortlaut.


ORF zu vier Kritikpunkten im Wortlaut

Gesamtstrategie 

"Tatsächlich gibt es seit mehr als 20 Jahren keine vom Stiftungsrat beschlossene Gesamtstrategie. Die strategischen Konzeptionen der Geschäftsführung für das Gesamtunternehmen und Einzelbereiche stellt der RH zwar fest, dennoch hat der Stiftungsrat bereits vor Monaten die Einleitung eines umfangreichen Strategieprozesses, der u. a. auch die Erarbeitung eines Unternehmensleitbildes beinhalten soll, beschlossen. Auftakt ist hierfür die ursprünglich bereits in der ersten Jahreshälfte geplante und nunmehr am 13. September stattfindende Klausur des Stiftungsrats."

Ineffiziente Organisationsstrukturen,
Zweifel an Sinnhaftigkeit der Onlinedirektion

"Der Hauptkritikpunkt der 'ineffizienten Organisationsstrukturen' bezieht sich auf die Aufsplittung des Personalmanagements (Administration und Aus- und Fortbildung etc.) - für diesen Bereich ist derzeit ein umfassender Umbauprozess in Vorbereitung.

Die Kritik des RH am Finanzplanungs- und Abwicklungsbereich der Produktionswirtschaft zwischen Programm und Technik ist in weiten Bereichen ernstzunehmen und die getroffenen Feststellungen werden in strukturelle Maßnahmen münden, die derzeit in einem Projekt vorbereitet werden.

Die vom RH geäußerte Kritik an der Einrichtung der Onlinedirektion durch Frau Generaldirektorin Dr. Lindner wird nicht geteilt, da die Einrichtung zum damaligen Zeitpunkt sinnvoll erschien und eine
Abschaffung am Beginn der Periode Wrabetz als falsches Signal an den Onlinemarkt gewertet worden wäre."

Einsparungspotenziale

"Die nach dem Prüfungszeitraum weiter umgesetzten Schritte nach McKinsey erreichen inzwischen 71 % der Ziele - der RH kritisiert die bis Ende 2007 noch geringere Zielerreichung von 52 %. Einzelne Projekte, wie z. B. die angestrebte Neuordnung des Sicherheitsbereichs, konnten bisher aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht umgesetzt werden. In einigen Bereichen wird es deutlich über
McKinsey hinausgehende Strukturanpassungen geben.

Personalkosten

"Bereits mit der Einführung des Kollektivvertrags 96 wurde versucht, auf die über Markt liegenden Entlohnungssysteme der 'alten FBV' zu reagieren. Mit dem KV 03 wurden für neu eintretende
Zugänge annähernd Marktbedingungen hergestellt. Bei der "Freien Betriebs-Vereinbarung" handelt es sich um Einzelverträge, die in ihrer Substanz kaum nach unten veränderbar sind, wobei mit dem
Zentralbetriebsrat bereits Verhandlungen über Veränderungen in den Bereichen 'Zulagen, Arbeitszeitflexibilisierung, Vorrückungen etc.' aufgenommen wurden.

Im Bereich der Kaufmännischen Direktion beider Geschäftsführungsperioden gibt der Rechnungshof zwar Empfehlungen ab (die zu einem großen Teil bereits derzeit umgesetzt sind), erhebt aber keine wesentliche Kritik."

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  • RH-Bericht eingelangt: 56 Anmerkungen und Empfehlungen.
    foto: standard/newald

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