Pippin hatte nichts zu verschenken

13. September 2008, 19:05
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Ein Heiliges Römisches Reich ohne nationalen Kern: Johannes Fried hat eine gewagte - und gelungene - Gesamtgeschichte des Mittelalters geschrieben

Es gehört schon eine Portion Mut dazu, eine Gesamtdarstellung des Mittelalters - also der tausend Jahre zwischen 500 und 1500 - zu wagen. Der Frankfurter Mediävist Johannes Fried hat diesen Mut und präsentiert eine Synthese, die vor Informationsdichte und Gelehrsamkeit fast platzt. Er vermeidet dabei den Fehler vieler seiner Kollegen, die fremden und befremdlichen Seiten des Mittelalters glattzubügeln und schlecht oder nur legendär Überliefertes als historische Tatsachen darzustellen.

Wie etwa der Karolinger Pippin 751 zum König wurde, liegt völlig im Dunkeln. Fried kommentiert das so: "Allein die Sieger schrieben die Geschichte und zwar im Nachhinein und manipulierten sie dabei gründlich." Im Falle Pippins ist bezeugt, dass er 756 über die Alpen zog und den langobardischen König Aistulf besiegte. Der Karolinger suchte die Nähe zum Papst und legte den Grundstein für eine "intensive Kooperation des apostolischen Stuhls mit den Franken und später den Königen Frankreichs", das bald als "älteste Tochter der Kirche" galt. Noch bis in die jüngste Zeit sprachen Historiker ernsthaft von der Pippin'schen Schenkung, von der Übergabe einiger Städte an den Papst. Nüchtern betrachtet "schenkte" der Karolinger dem Papst, was ihm nicht gehörte - Gebiete, die sich der langobardische König angeeignet hatte und die zum Besitz des byzantinischen Statthalters in Italien gehörten.

Souverän weist Fried auch Spekulationen der älteren Forschung über die Herkunft und ethnische Zusammensetzung der fränkischen Völkerschaften zurück. Entgegen den über Jahrhunderte tradierten Herkunftslegenden ist im "Heiligen Römischen Reich" - das nur ganz selten "deutsches Reich" genannt wurde - weder die Spur einer Nationalidee noch der Kern einer Nation zu entdecken. Das sind alles Projektionen von Historikern aus dem 19. und 20. Jhdt., die der verspäteten deutschen Nation nachträglich und kompensatorisch eine lange Vorgeschichte andichteten. Ähnlich verhält es sich mit der "Heiligkeit" des Reichs. Diese "erschöpfte sich" - so Fried - "im Namen", denn faktisch setzen Päpste und später Kurfürsten den fränkischen Königen und Kaisern ihre Grenzen.

Die Herausbildung von institutionellen Strukturen - königliche Kanzlei, Königshof, Gerichtswesen, Grundherrschaft - vollzog sich sehr langsam. Von den Karolingern im 8., über Ottonen im 10. bis zu den Saliern und Staufern vom 11. bis zum 13. Jhdt. regierten Könige und Kaiser hauptsächlich aus dem Sattel. Das Reich hatte, im Unterschied zum westfränkischen, d. h. späteren Frankreich, kein Zentrum. Träger der kulturellen Entwicklung waren Kirchen und Klöster, in denen der Restbestand antiken Wissens aufbewahrt, gelehrt und übersetzt wurde. Während Dynastien und Herrscherfamilien ununterbrochen um Herrschaft und Macht verwickelt waren, entstanden an den Kloster- und Domschulen, später auch Universitäten, "die neugezimmerten Grundlagen abendländischer Wissenschaft und Welterkenntnis".

Fried zeigt eindrücklich, dass die Vorstellung vom "dunklen" und "dumpfen" Mittelalter nicht zutrifft. Es gab bahnbrechende Erfindungen wie den Trittwebstuhl, Wassermühlen mit Nockenwellen und neue Methoden der Metallverhüttung. Vor allem aber übersetzte das Mittelalter antike und arabische Schriften. Bewegte sich politisches Handeln zunächst im Rahmen eines sakralisierten Königtums in höfischen Ritualen und Gesten sowie religiösen Praktiken und Kulten, so änderte sich das mit der Aristoteles-Rezeption. Das abstrahierende systematische Denken setze sich ebenso durch wie eine rationale Zeitordnung auf der Grundlage astronomischer Berechnungen. Fried spricht in diesem Zusammenhang von einem "Aufbruch ins Vernunftzeitalter". Es dominierte freilich eine eigentümliche List der Vernunft: Angetrieben von religiösen Fanatikern vom Schlage eines Bernhard von Clairvaux (1090-1153) verzehrte das Mittelalter seine bescheidenen Ressourcen in den Kreuzzügen. Man zog nach Osten, um den Glauben zu verbreiten und zu verteidigen, aber man kehrte - wenn überhaupt - zurück mit Handschriften des Aristoteles und der unendlich höher entwickelten arabischen Wissenschaft (Medizin, Astronomie, Mathematik) im Gepäck.

Aber dieser Rationalisierungsschub aus dem Osten konnte nicht verhindern, dass das Jahrhunderte prägende Ringen zwischen fränkischen Königen und Kaisern mit dem Papst andauerte, dass das faktische Interregnum zwischen 1256 und 1346 dem Reich 13 Könige bescherte und der hundertjährige Krieg zwischen englischen und französischen Königen begann. Die Einsicht Karls IV. (1316-1378), "mehr mit Weisheit als mit Waffen" zu regieren, blieb ebenso die Ausnahme wie der Kompromiss, den Friedrich III. (1415-1493) - der am meisten verkannte Kaiser, der über 50 Jahre lang herrschte - im Wiener Konkordat (1448) mit dem Papst schloss.

Methodisch beruht Frieds Darstellung auf einer etwas einfachen Konstruktion. Er mag zwischen den Zeitaltern und Epochen keine Brüche entdecken, sondern legt sich die Geschichte als kontinuierliche Linie zurecht. In dieser Perspektive steht natürlich jede Epoche "auf den Schultern" ihrer Vorgänger. Allerdings verschwinden dadurch die Differenzen und das kategoriale Gefälle zwischen mittelalterlichen Herrschaftsverträgen unter Monarchen und Adeligen und dem modernen Verfassungsdenken auf der Basis der Volkssouveränität.

Frieds Darstellung des Mittelalters ist lehrreich, ganz Europa umfassend - und kämpferisch. Nicht ganz zu Unrecht sieht er das Mittelalter als lange verkannte und diffamierte oder glorifizierte und romantisierte Epoche. Dem möchte er gegensteuern: "Das Leitbild der Wissenschaft, die abendländische Vernunftkultur, die Aufklärung, der Globalisierungseffekt verdanken sich nicht zuletzt, ja zuallererst" dem Mittelalter. In der gleichen Tonlage versucht Fried, Kants Ethik als "blutleer und konstruiert" abzutun und gegen das "lebensnahe Ringen" des Mittelalters um "Ritterlichkeit" und "Höflichkeit" auszuspielen. Das ist, mit Verlaub - bis zum rhetorischen "ja" - eifernde Kreuzzugsprosa. (Rudolf Walther/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14. 9. 2008)
  • Johannes Fried, "Das Mittelalter. Geschichte und Kultur". € 30,80 / 592 Seiten. C. H. Beck, München 2008
    coverfoto: c. h. beck

    Johannes Fried, "Das Mittelalter. Geschichte und Kultur". € 30,80 / 592 Seiten. C. H. Beck, München 2008

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