China bezahlt mit Katastrophen für sein Wachstum

12. September 2008, 19:34
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Schäden haben im Jahr 2005 erstmals den Gewinn aus dem Wirtschaftswachstum überstiegen

Raubbau an Ressourcen und Umwelt fordert in China zunehmend seinen Tribut. Die Schäden daraus haben im Jahr 2005 erstmals den Gewinn aus dem Wirtschaftswachstum überstiegen.

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Die Lawine aus Schlamm und Geröll wälzte sich den Abhang herab. "Sie kam so explosionsartig über uns wie die Flut nach einem Dammbruch", sagte der knapp entkommene Chen Kexiang dem chinesischen Fernsehen. Bis Freitagabend, fünf Tage nachdem gigantische Erdmassen das nordchinesische Dorf Yunhe auf 600 Meter Länge unter sich begruben, suchten noch immer 3000 Helfer mit schwerem Räumgerät nach Opfern. Bis dahin hatten sie 178 Tote und 35 Verletzte aus dem Schlamm geborgen. Die 270.000 Kubikmeter an Abraum, die nach tagelangen Regenfällen Montagfrüh niedergingen, kamen von der Tashan-Erzgrube. Der Investor Zhang Peiliang hatte die Mine von der Bezirksregierung in Linfen (Provinz Shanxi) im Oktober 2005 ersteigert. Er ließ sie ohne Sicherheits- und Abbaulizenzen ausbeuten und bedenkenlos die alte Abraumhalde immer höher auftürmen.

Das Großunglück hat die noch im Olympiajubel steckende Pekinger Politik ernüchtert. Der Staatsrat schickte sofort eine mit Ministern besetzte Untersuchungsgruppe los. Sie stieß auf das gewohnte Gemisch lokaler Korruption, fehlender behördlicher Aufsicht und kriminellen Seilschaften von Minenbesitzern, die gemeinsame Sache mit Funktionären machten.

Der neue Minister für Arbeitssicherheit Wang Jun nannte das Unglück ein "schweres Verantwortungsproblem". Die Mine sei illegal betrieben und ihre Abbau- und Sicherheitskonzession nicht erneuert worden. Peking ließ 13 Minenbesitzer und Angestellte verhaften und lokale Parteibonzen wegen Pflichtverletzung aus dem Amt werfen. Für jedes Opfer sollen die Angehörigen die Höchstentschädigung von rund 20.000 Euro erhalten. Die tröstet das ebenso wenig wie die Selbstkritik, die Shanxis Provinzgouverneur Meng Xuenong leistete. Er übernehme die Verantwortung für den schwersten Arbeitsunfall in China 2008.

3000 gefährliche Halden

Nach den Kohlegruben-Unglücken rückt die aktuelle Katastrophe erneut die Folgen einer jahrzehntelangen Politik des Raubbaus an Ressourcen und der Umwelt in den Blick der Öffentlichkeit. Für ein um jeden Preis in die Höhe getriebenes Wirtschaftswachstum wurden tausende Erzbergwerke im Land privatisiert. Allein in der Bergwerksprovinz Shanxi gibt es 700 unsichere Abraumhalden. Die Nachrichtenagentur Xinhua erfuhr, dass es über 9000 Abraumlagerstätten im ganzen Land gibt. Mehr als die Hälfte seien nicht sicherheitsüberprüft. 2810 gelten als potenziell gefährlich.

Die Schlammlawine ist nur ein weiteres Beispiel für die Warnungen von Pekings "grünen Politikern" wie Vizeumweltminister Pan Yue, dass die menschlichen und materiellen Kosten, die China für seine Umwelt- und Ressourcenzerstörung zahlt, bereits schwerer wiegen als der ökonomische Gewinn. Inzwischen untermauern Zukunftsforscher an der Akademie für Wissenschaften solche Kritik. Shi Mingjun errechnete erstmals für das Jahr 2005 eine Negativbilanz, wie er am Freitag in der China Daily vorrechnete. Die volkswirtschaftlichen Verluste aus Umweltzerstörung- und Verschmutzung hätten in dem von ihm untersuchten Jahr mit umgerechnet 2750 Mrd. Yuan (rund 275 Mrd.Euro) die 2240 Mrd. Yuan überstiegen, um die das Sozialprodukt wuchs.

Negatives Wachstum

Mit anderen Worten: Das Wachstum fiel negativ aus, wenn es zum Preis zerstörter Böden, verseuchter Flüsse, Luft, geplünderter Ressourcen und gefährdetem Leben und Gesundheit der Bevölkerung berechnet wird. Da sich in der realen Wirtschaftspolitik trotz aller Lippenbekenntnisse für ein neues Wachstumsmodell noch nicht viel geändert hat, erwartet Shi ein ähnliches Ergebnis unter dem Strich auch für 2006 und 2007. Er widerspricht der gängigen blauäugigen Bewunderung der Ursachen des chinesischen Wirtschaftserfolges. Für ihn ist es weder ein Wunder noch auf Dauer haltbar. Das Land verdankt sein Wachstum vor allem "dem Input seiner Naturressourcen unter Hinnahme enormer Umweltschäden und Verluste." (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.9.2008)

  • Korruption, fehlende Aufsicht und kriminelle Machenschaften haben in
China katastrophale Folgen für die Umwelt. Im Bild: ein vergifteter
Fischteich in der zentralchinesischen Provinz Wuhan.
    foto: epa

    Korruption, fehlende Aufsicht und kriminelle Machenschaften haben in China katastrophale Folgen für die Umwelt. Im Bild: ein vergifteter Fischteich in der zentralchinesischen Provinz Wuhan.

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