Sarko päpstlicher als der Papst

12. September 2008, 21:28
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Frankreichs Präsident will "positive Laizität" und lobt die Religion

Der Bedächtige und der Zappelige: Benedikt XVI. und Nicolas Sarkozy gaben gestern im Pariser Elysée-Palast ein ungewöhnliches Paar ab. Im Beisein seiner dritten Gattin Carla Bruni hatte der französische Präsident den Papst ganz unprotokollarisch am Flughafen abgeholt, obwohl es sich nicht um einen Staatsbesuch handelte. Im Festsaal des Elysée konnte es Sarkozy gar nicht erwarten, seine prominente Patchwork-Familie durch die Präsenz des katholischen Oberhirten gleichsam absegnen zu lassen.

Sarkozys Rede war ebenso überdreht wie er selbst. Der nervöse Präsident ging einmal mehr hart an die Grenze des politisch Zulässigen, indem er die - in Frankreich seit 1905 sakrosankte - Trennung von Kirche und Staat indirekt infrage stellte. "Uns der Religionen zu berauben, wäre Wahnsinn, ein Fehler gegen die Kultur und das Denken" , rief er aus, für einen Dialog zwischen Zivilgesellschaft und den Religionen plädierend. Für Frankreich, wo die religiöse Frage seit den blutigen Religionskriegen und einem jahrhundertelangen Kirchenstreit radikal in die Privatsphäre verbannt wurde, sind das explosive Worte. Als Staatspräsident kann Sarkozy nicht gut das Ende des Laizismus - eines Grundpfeilers der französischen Verfassung - deklarieren. Dafür sprach er sich für eine "positive Laizität" aus, das heißt eine Umdeutung zwecks Miteinbeziehung der Religion in die öffentliche Debatte.

Langsamen Schrittes schritt indes das 81-jährige Kirchenoberhaupt zum Rednerpult, um sich einiges gemessener und vorsichtiger als Sarkozy auszudrücken. Er meinte zwar, dass man "über den wahren Sinn der Bedeutung der Laizität nachdenken" müsse und nannte die Religionen "unersetzbar" . Aber gleichzeitig bezeichnete er es als "elementar, die Unterscheidung zwischen Politik und Religion hervorzustreichen" . Diesen Satz könnte auch ein Laizist französischer Prägung unterschreiben.

Laizistensturm

Wie zu erwarten war, lief das laizistische Lager sofort Sturm. Die meisten Reaktionen richteten sich nicht einmal gegen Benedikt, sondern Sarkozy. "Der Laizismus bedeutet, dass die Religion eine individuelle Angelegenheit ist, während der Staat die Kultusfreiheit garantiert" , belehrte ihn Sozialistensprecher Julien Dray. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.9.2008)

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    Papst Benedikt am Freitag beim Empfang durch Präsident Nicolas Sarkozy und dessen Gattin Carla Bruni in Paris.

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