Die Zukunft ist eine Floskel

12. September 2008, 19:02
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Staatssekretär Lopatka lädt zum "Sportdialog" über Versäumnisse und Illusionen

Wien - Gunnar Prokop ist eine Art Zeitloch mit Augenbrauen. Der Mann wird anscheinend nicht älter und ruhiger, und offenbar kümmert er sich auch nicht wirklich darum, was rund um ihn vorgeht. Am Donnerstagabend ging das einmal ein wenig schief, als ein Kindergartenpädagogenerzieher aufstand und sich gegen das längst überholte Vorurteil wehrte, er vermittle den Betreuern der Kleinsten keine fundierte Bewegungsausbildung. Prokop blieb ungerührt, teilweise zu Recht. Denn mit seinem Urteil, in Österreichs bewegungsfauler Gesellschaft die schulische Sporterziehung zu kürzen, sei kurzsichtig, hat er Recht.

Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka (VP) hatte ins "Haus des Sports" zu einer VP-Wahlkampfveranstaltung geladen, die sich als Sportdialog unter den Titel "Von Peking für London lernen" geflüchtet und keineswegs Wettermanagement per Raketen oder Demonstrationsverbote, sondern Österreichs "Sportsystem" besprechen wollte. Sportler wie die Judokas Lupo Paischer und Claudia Heill dienten als Stichwortgeber in einer Diskussion, in der stereotype Befunde und Forderungen wiedergekäut wurden. Seit vielen Jahren engt die ÖVP als Regierungspartie den Bewegungsraum in der Schule ein, seit zwei Jahren hat Bildungsministerin Claudia Schmied die Lage auch nicht verbessert. Die mit viel Selbstlob von Kanzler Alfred Gusenbauer und Schmied vorgestellte Initiative "Bewegte Kinder", in der KindergärtnerInnen und Volksschullehrer fortgebildet und die Kooperation mit Sportvereinen intensiviert wird, wirkt angesichts der sportfeindlichen Bildungspolitik sowie der rekordverdächtigen Fettleibigkeit und Alkoholseligkeit vieler junger ÖsterreicherInnen wie ein Tarnkäppchen.

Murmeltierargumente 

Und da saß Lopatka und forderte: "Die zweite zentrale Frage für die Zukunft eines erfolgreichen österreichischen Sports ist, wie begeistern wir unsere Kinder für Bewegung und Sport!" Seine Gäste, die seit Jahrzehnten Österreichs (Spitzen-)Sport organisieren, waren sich einig: So geht's nicht, alles muss besser werden.

ÖOC-Generalsekretär Heinz Jungwirth mahnte: "Uns gehen die talentierten Kinder aus." BSO-Fachratsvorsitzender Gottfried Forsthuber warnte: "Manche Verbände können aus Geldmangel Sportler nicht mehr zu internationalen Turnieren schicken."

Gunnar Prokop, Handball-Tyrann: "Spitzensport ist totalitär. Da muss ma drüberfahren." Nur Paischer war zufrieden, konnte er doch dank der Fördermittel alle seine Vorbereitungen so durchführen, wie er sich das vorgestellt hatte. Der Dank: eine Silbermedaille bei den Sommerspielen. Zwar sah auch seine Kollegin Heill alle ihre sportlichen Wünsche erfüllt, eine Medaille aber konnte sie sich darum auch nicht kaufen.

Der Sportwissenschafter Hans Holdhaus kritisierte: "Die Erkenntnisse der Wissenschaft müssen befolgt werden, außerdem müssen wir die Förderung auf aussichtsreiche Sportarten begrenzen, 58 BSO-Verbände sind Luxus." Manche von denen werden fett subventioniert und waren nicht einmal imstande, ihre Sportler zeitgerecht nach Peking zu schicken, um ihnen die Zeitumstellung zu ermöglichen. Holdhaus: "Da gehört ein Controlling her!"

Ansonsten altgewohntes Jammern über "Hauswarte lassen uns nicht in die Hallen" oder "der ORF zeigt nur Fußball". Tatsächlich war Gunnar Prokops sauteure, aus halb Europa zusammengekaufte Damen-Riege hunderte Stunden lang im ORF-Hauptprogramm. Weder hat sie eine Olympia-Medaille erkämpft noch einen Handball-Boom ausgelöst. Sollten überteuerte Privatsporthobbys zugunsten sinnvoller Projekte eingespart werden, Prokops Mannschaft könnte als eine der ersten einer besseren Sportzukunft geopfert werden. (Johann Skocek, DER STANDARD Printausgabe 13.09.2008)

 

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